V. Abschnitt. Die Papiergeldschuld, Inflation und Sanierung. 623
größer wurde. Alle Verfügungen versagten, es wurden bezahlte
Agenten ins Land geschickt, die dem Publikum die Ursachen der
Teuerung erklären sollten, die Blätter wurden unter Aufsicht ge-
stellt, die Leseräume wurden geschlossen. Überdies wurde eine
Billigkeitskommission installiert. Man wollte eine Metallanleihe auf-
nehmen, alles versagte. Das Agio stieg zeitweise auf 1200. End-
lich erschien am 20. Februar 1811 das Devalvationspatent. Der
Wert des Papiergeldes wurde auf den fünften Teil reduziert, die
im Umlauf befindlichen 1060 Millionen Gulden wurden mit 212
Millionen Einlösungsscheinen eingewechselt. Ganze Klassen ver-
armten. Bald sank aber auch der Wert der Einlösungsscheine, das
Disagio betrug im Jahre 1816 : 372. Es folgt die Gründung der
Nationalbank, die mit der Einlösung des Papiergeldes betraut wurde
und die trotz großer Schwierigkeiten so viel erreichte, daß im
Jahre 1847 der Umlauf der alten Banknoten auf 7,8 Millionen sank.
Mit dem Ausbruch der Revolution, dem Kriege in Italien, mußte
die Einlösung wieder suspendiert werden, es werden Staatsnoten
ausgegeben und die Papiergeldwirtschaft kehrt bald zu den früheren
Zuständen zurück. Die Versuche, der Papiergeldwirtschaft zu ent-
gehen, vereitelt der italienische Krieg im Jahre 1859 und der
preußische Krieg im Jahre 1866. Das Agio steigt zeitweilig über
50 Prozent.
Die Geschichte dreier Staaten, Rußland, Italien und die Ver-
einigten Staaten, bietet gleichfalls Daten über die Verwüstungen,
die das Papiergeld anzurichten vermag. Im großen ganzen ver-
schont blieben namentlich zwei Staaten, Preußen und England.
Preußen hat wohl mehrmals Papiergeld emittiert, da sich aber der
Umlauf in sehr engen Grenzen bewog, so haben sich die schlimmen
Folgen nicht eingestellt. Auch in England war der Umlauf nicht
exzessiv, trotzdem haben die nachteiligen Folgen große Unruhe
verursacht, die dann zur Herstellung des Hartgeldumlaufes führten.
Wir ersehen aus diesen kurz skizzierten Fällen, welche Ge-
fahren mit der Inanspruchnahme der Papiergeldschuld verbunden sind.
Es soll daraus nicht geschlossen werden, daß dies ganz auszu-
schließen sei. Die Ausgabe von Papiergeld ist eine Kriegsreserve,
deren Inanspruchnahme nicht ganz zu verwerfen wäre, wenn sich
dieselbe in mäßigen Grenzen hält; da dies aber nicht leicht mög-
lich ist, so muß man darauf gefaßt sein, daß die großen Gefahren
nicht zu vermeiden sind. Wenn freilich andere Mittel nicht zur
Verfügung stehen und wenn es sich um große Interessen des Staates,
sagen wir um Sein oder Nichtsein handelt, dann ist natürlich die
Selbsterhaltung über. alles zu stellen und auch die schlechtesten