“ 5. Buch.‘ Der Staatskredit.
Mittel sind gut genug. Ist die Selbsterhaltung des Staates gesichert,
dann folgt, wenn auch unter schweren Leiden ganzer Klassen, ganzer
Generationen, der Heilungsprozeß. Die papierenen Zahlungsmittel
werden eingezogen, der konstante Wert des Geldes wiederhergestellt.
Fehlen hierzu die Mittel, so sind dieselben mittels Metallanlehen,
sogenannter Valutaanlehen zu beschaffen.
2. Der Weltkrieg. Geradezu phantastische Dimensionen
gewann die Papiergeldausgabe im Weltkriege und noch mehr nach
dem Weltkriege. Die durch den Krieg erschöpften Finanzen, die
Zerrüttung der bürgerlichen Ordnung, die Stagnation des Erwerbes,
ließen fast nur die Ausgabe von fiduziären Geldzeichen als Mittel
zur Deckung der Staatsbedürfnisse übrig. Und so feierte die In-
flation in allen am Kriege beteiligten Staaten ihre Orgien, selbst
Frankreich, Großbritannien nicht ausgenommen. Wohl aber am
wildesten in Rußland, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland.
Die Preise stiegen ins Unermeßliche. Das Steuerwesen wurde gänz-
lich zerrüttet*). Ganze Schichten der Bevölkerung, die ihr Ein-
kommen nicht im Maße der Inflation steigern konnten, fielen dem
grausamsten Elend anheim. Vergeblich setzte man Preisbestimmungs-
kommissionen ein, vergeblich setzte man Preiswuchergerichte ein,
vergebens wurden Preismaxima angewendet, der Hexensabbat der
Inflation ließ sich nicht meistern. Mit dem fortwährenden Steigen
der Preise mußte die stete Vermehrung der Geldzeichen parallel
gehen. Die Staats- und die Privatwirtschaft arbeitete mit astro-
nomisch riesigen Zahlen. Wiederholt wiederkehrende Krisen er-
schütterten das ganze Wirtschaftsleben immer von neuem. Die
Zerrüttung der wirtschaftlichen Moral, die Exzesse des Luxus und
des Leichtsinns waren Folge. Endlich kam die bessere Einsicht.
Erst mit der Ordnung des Staatshaushaltes,, mit der Herstellung
des finanziellen Gleichgewichts, mit der Stillegung der Banknoten-
presse, mit der sogenannten Sanierung kehrten wieder normalere
Verhältnisse zurück.
Der Notenumlauf der Deutschen Reichsbank gibt folgendes
Bild ?):
31. Juli 1914 2,9 Milliarden Papiermark
31. Dezember 1915 6,9 A
91. N 016 8.1 n
Bd NE 115 .
l) Gegen die der Entwertung folgenden Einschrumpfung der Steuer und
anderer Staatseinnahmen versuchte man die Steuerversicherungsklausel anzuwen-
den, wonach mit dem Steigen des Agios die Steuer automatisch sich erhöhte, mit
dem Sinken derselben sich verminderte.
?) Deutsche Wirtschaft, Währung und Finanzen (Berlin 1924) S. 63.
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