I. Abschnitt. Das Budget. 71
Umstände, die Veränderungen zur Folge haben werden, in Be-
tracht gezogen. Doch können nichtsdestoweniger bei rascher
Entfaltung des Staatslebens hier Inkonvenienzen sich zeigen. KHEin
zweites Verfahren ist das der sogenannten Majorisation, welche
gegenüber dem Vorjahr, namentlich bei den Einnahmen, eine per-
zentuelle Steigerung vornimmt (französische Methode); sie beruht
auf der Beobachtung, daß bei einer im Fortschreiten, im Aufstieg
befindlichen Staatswirtschaft die Erfahrung zeigt, daß die Resultate
günstiger sind und die Voranschläge übersteigen. Für diese Methode
sprechen verschiedene Umstände. Wenn die tatsächliche Steigerung
nicht in Betracht gezogen wird, so ergeben sich nämlich verschiedene
Übelstände. Die Ausgaben müssen dann zurückgehalten werden.
Wenn dann die Einnahmen günstigere Resultate zeigen, so werden
die betreffenden Summen leichtfertig verausgabt, als unerwartete
Überschüsse, jedenfalls nicht so systematisch, als wenn hierüber bei
Festsetzung des Budgets Beschluß gefaßt würde. Eventuell werden
gewisse Einnahmequellen voreilig aufgegeben, wie dies in Frank-
reich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschah.
Freilich darf nicht geleugnet werden, daß die Majorisation auch
ihre Nachteile hat. Es kann dazu führen, daß ein Defizit unter
dem Vorwande der Steigerung der Einnahmen verwischt wird.
Wenn dann die Erwartung nicht zutrifft, so mag dies zu unlieb-
samen Erklärungen führen, wo ja doch eigentlich nichts anderes
geschah, als daß die Erwartungen überspannt wurden. Doch kann
dies zur ungünstigen Beeinflussung des Staatskredites führen. Die
nicht in Anschlag gebrachten höheren Einnahmen bilden gewisser-
maßen eine Reserve, aus welcher unerwartete Bedürfnisse, die ja
häufig auftreten, befriedigt werden. Die Majorisation kann auch
dazu dienen im parlamentarischen Leben, daß sich auf diese Weise
ein Minister einen Beifall sichert, während er in dem Zeitpunkte, wo
er hierob zur Verantwortung gezogen würde, bei der Kurzlebigkeit
vieler parlamentarischer Minister, längst nicht mehr im Minister-
fauteuil sitzt. Was nun die dritte Methode betrifft, so besteht die-
selbe darin, daß auch die vorhergehende Erfahrung zum Ausgangs-
punkt genommen wird, aber nicht bloß das vorhergehende Jahr,
wie bei der ersten Methode, sondern ein Durchschnitt mehrerer
Jahre dem Voranschlage zur Basis dient. Dieses System kann
dann insofern verbessert und der zweiten Methode näher gebracht
werden, als die aus dem Durchschnitte mehrerer Jahre gewonnenen
Ziffern bei steigender Tendenz mit dem Steigerungskoeffizienten,
bei sinkender Tendenz mit dem Senkungskoeffizienten korrigiert
werden. Oft wird die verständnisvolle Beurteilung der auf den