Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

1834 
Bildende Kunst. 
der Kunst Millets; in Deutschland beruht auf ihr die große 
Übergangsreihe der Feuerbach, Böcklin, Thoma, Klinger. 
Übrigens: liegt diesem besonderen Verhältnis, vom Stand⸗ 
punkte der Linearperspektive, also des entscheidenden Moments 
der Vergangenheit her betrachtet, nicht doch auch ein anschauliches 
Motiv zu Grunde? Gegenstände in weiterer Entfernung sehen 
wir nicht mehr in ihrer ihnen besonders eignenden, spezifischen 
Plastik, dazu bilden sich die von ihnen ausgehenden Wirkungen 
auch der Linienverhältnisse im Auge zu mikroskopisch ab: wir 
erkennen sie vielmehr nur noch zweidimensional, als Fläche, — 
das Körperhafte ergänzen wir rein durch Analogievorstellungen. 
In der Nähe dagegen sehen wir auch schon kleinere Gegen— 
stände dreidimensional, zunächst gewiß, indem wir ihre Umriß— 
elemente verfolgen, — indes, wer weiß, ob nicht auch schon auf 
Grund einer überaus feinen, nur von uns noch nicht in ganz 
deutliche Vorstellung und klare Anschauung gehobenen Luft— 
perspektive? Wie dem auch sei: jedenfalls entspricht die linear— 
perspektivisch-zweidimensionale Anschauung ferner Einzelobjekte 
dem ebenfalls ja zweidimensionalen Farbeneindruck, während 
es für die Nähe augenscheinlich ist, daß die Summe der von 
einem Gegenstand ausgehenden Farbeneindrücke jene Plastik 
noch nicht vollbewußt wiedergiebt, die uns durch die Linear— 
perspektive vermittelt wird. 
Wir sind mit alledem der rein psychologischen Betrachtung 
der neuen Kunst nahe gekommen. Was diese selbst betrifft, 
so geht aus unserer bisher gepflogenen Untersuchung hervor, 
daß es sich bei ihr im vollendeten Impressionismus grundsätzlich 
nur um ein einziges Element handelt: den Reiz belichteter 
Farbe oder, wie man auch sagen kann, da die Farbe immer 
belichtet ist, der Farbe schlechthin. Das Bild setzt sich aus be— 
sonders unmittelbaren Farbenempfindungen, Farbeneindrücken 
zusammen, deren Werte auf die Leinwand gebracht sind. 
Indes diese ganze neue Kunst, in der der Farbeneindruck 
sozusagen alsbald am Ende der Nervenbahn abgefangen und 
koloristisch registriert wird, ist doch erst die letzte Stufe der 
Entwicklung: es ist der psychologische — bei vollster Durch—
	        
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