Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Impressionismus hervorgingen, und von denen bald die Rede 
sein wird. In welcher Weise nämlich gestaltete sich denn jetzt die 
Wiedergabe einer raumtiefen Landschaft, in deren Vordergrunde 
eine stark betonte Staffage von Fabelgestalten, Tieren, Menschen, 
etwa gar in Lebensgröße, auftrat, wie nicht selten gerade bei 
Bildern idealistischen Inhalts? Hier war zunächst klar, daß die 
Gegenstände der größeren Tiefen, und mit ihnen diese Tiefen 
selbst, durch einfache Farbennüancen der lichterfüllten Luft wieder— 
gegeben werden konnten. Reichte aber die gewonnene Kenntnis 
der Farbennüanecen der belichteten Luft schon dazu aus, auch aus 
ihr allein heraus die Raumtiefenverhältnisse, die Plastik der 
Körper des Vordergrundes anschaulich zu machen? War der 
farbige Lichtcharakter der Luft zwischen dem Auge des Malers 
und den weiter zurückliegenden Teilen eines solchen Körpers 
so sehr von dem Charakter derselben Luft, aber nur zwischen 
dem Auge und den vorderen Teilen dieses Körpers gemessen, 
verschieden, daß er in anschau- und darstellbaren Farbennüancen 
klar zu Tage trat? Keineswegs. Wie also diese Körper 
malen? — Es blieb nichts übrig, als das Plastische der 
Körper, ja teilweis auch sonst der Gegenstände des Vorder— 
grundes, soweit sie besonders eingehend geschildert wurden, in 
diesem Falle doch noch auch durch die Zeichnung, durch die 
alten Hilfsmittel der Form mit wiederzugeben. 
Nun hieß das zweifelsohne einen starken Rest früherer 
Malweise in Bildern von dieser Art belassen. Es hieß ein—⸗ 
gestehen, daß hier die technische Differenzierung der Licht— 
eindrücke der neuen Kunst noch nicht weit genug fortgeschritten 
war, um das gegebene Problem voll zu lösen. Indem aber 
hier Momente der alten Kunst angewandt wurden, wenn auch 
natürlich abgeschwächt und der neuen angenähert: war damit 
nicht, vom Standpunkte dieser neuen Kunst aus, ein Element 
gegeben, das deren eigentliche Anforderungen nur ungefähr 
erfüllte, sie typisierte, idealisierte? Kein Zweifel: und so lag 
eben in diesem Zusammenhange von vornherein die Möglichkeit 
einer sehr merkwürdigen idealistischen Übergangskunstbe— 
schlossen. Es ist die entwicklungsgeschichtliche Grundlage schon
	        
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