fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Natur als sittlicher Normbegriff. 
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der „universellen Vernunft“, die es gegenüber den kleinlichen 
und engen Geboten des Herkommens (ces petites regles, feinctes, 
usuelles, provinciales) zurückzugewinnen gilt. So wird dieser Be- 
griff für Montaigne vielmehr zum Ausgangspunkt für eine Um- 
und Neugestaltung der Geisteswissenschaften. Ethik und 
Aesthetik, Geschichte und Psychologie werden unter einem neuen 
Gesichtspunkt beurteilt und gestaltet, Und wenngleich die Theorie 
der Wissenschaft an dieser Umbildung keinen Anteil nimmt, so 
wirkt doch das Ergebnis dieser Gesamtentwicklung, in welcher ein 
neuer Kulturbegriff gewonnen wird, mittelbar auf die Fassung 
und die systematische Stellung des Erkenntnisproblems zurück. 
Es ist zunächst die Pädagogik, die durch das neue Grund- 
prinzip eine innere Wandlung und Bereicherung ihres Inhalts er- 
[ährt. Der Gehalt der ethischen Begriffe bewährt sich hier in einer 
originalen und schöpferischen Leistung, in der alle Hauptzüge der 
späteren Entwicklung, vor allem der Erziehungslehre Rousseaus, 
vorweggenommen sind. Von dem dialektischen Gegensatz zwischen 
Vernunft und Natur wird die Fragestellung auch hier beherrscht; 
zugleich aber formuliert sie im Begriff des Selbstbewusstseins 
einen entscheidenden Gedanken, der die Lösung vermittelt und 
vorbereitet. In diesem Begriff liegt die Grenzscheide und die 
Schutzwehr gegen allen scholastischen „Pedantismus“, der den Stoff 
des Wissens von aussen her an das Subjekt heranbringt. Ueberall 
dort, wo die Selbständigkeit des Ich ausgeschaltet ist, ist damit 
auch die echte Materie der Erkenntnis vernichtet; einzig die Form 
der Worte ist es, die zurückbleibt. Wir arbeiten nur daran, unser 
Gedächtnis zu füllen, und lassen Verstand und Bewusstsein leer. 
Das ganze Leben entartet zum Geschwätz: vier bis fünf Jahre 
bringen wir damit hin, die Worte verstehen zu lernen und sie in 
Perioden zu drechseln, die doppelte Zeit wenden wir daran, uns 
im rhetorischen Aufbau und in stilistischen Feinheiten zu üben. 
„Unsere Erziehung leitet uns nicht auf den Weg der Tugend und 
Wahrheit: sie lehrt uns die Etymologie von beiden kennen“. 
Echtes Wissen wird dagegen nur dort erzeugt, wo die unbedingte 
autoritative Einwirkung ferngehalten und der gesamte Gehalt der 
Erkenntnis aus der eigenen geistigen Tätigkeit gewonnen wird. 
„Les abeilles pilotent decä delä des fleurs; mais elles en font aprez 
je miel. qui est tout leur: ce n’est plus thym ni mariolaine: ainsl
	        
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