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Das Geld. 35
seine Eier oder seinen Wein verkauft hat; als Gegenwert hat
er einen Beutel Geld oder ein Bündel Papierscheine be
kommen. Er kann das Geld sogleich verwenden, d. h. es aus
geben, wie man zu sagen pflegt, und dafür diejenigen Sachen
kaufen, die er für seinen Verbrauch benötigt. Aber er kann
die Summe auch aufheben, sie „sparen", sie in den sagenhaften
Wollstrumpf des französischen Bauern von einst stecken oder
in die Brieftasche des Bauern von heute und es dort belassen.
In zehn Jahren, in zwanzig Jahren, und sogar nach seinem
Tode, wird sich dieser Wert für seine Erben nicht verändert
haben. Sic werden ihn sofort hervorholen, wie man durch
Druck auf die elektrische Lampe das Licht herausspringen läßt.
Sie werden das vom Vater oder Großvater angesammelte
Geld genießen. Und wenn der Bauer es aus Furcht vor
Krieg oder Revolution in die Erde eingegraben hat, wird man
vielleicht nach hundert oder tausend Jahren den Schatz finden
— denn das wird man einen Schatz nennen — und der glück
liche Entdecker wird über den ganzen verschlafenen Schatz ver
fügen, der unter seinen Händen erwachen wird, wie Dorn
röschen in den Armen des Prinzen.
Vielleicht kann man hier noch einwenden, daß dies nicht
eine Sondereigenschaft des Geldes ist, und daß der, welcher
heutzutage eine neue Venus von Milo oder gar nur einen der
beiden Arme zu der Bildsäule im Louvre auffinden würde —
mit seinem Schatz reich werden könnte? Vielleicht ja, weil
Marmor und Bronze das schöne Vorrecht der Unsterblichkeit
teilen. Aber es gibt nicht viele Güter, von denen man das
selbe behaupten könnte. Wenn der erwähnte Bauer sein
Getreide als Schatz hätte aufheben wollen, das immerhin eine
der am wenigsten verderblichen Waren darstellt, so würde er
nach einigen Jahren nichts mehr besitzen; denn seine Ernte
würde verloren, angenagt, auf eine oder die andere Art ver
nichtet sein.
Und doch muß man die Behauptung, daß Gold oder
Silber seinen Wert ungeschmälert durch Generationen erhält,
einschränken: nur das Material selbst trotzt der Zeit, nicht aber
der Wert. Wenn der zur Zeit der Kreuzzüge vergrabene
Schatz eines Tages wieder zum Vorschein kommt, wird er
nicht denselben Wert haben, den er für den besaß, welcher ihn
in der Erde verborgen hatte, das besagt, er wird nicht mehr
dieselbe Kaufkraft besitzen — er wird vielleicht °/« dieser Kraft
verloren haben — und man beachte, daß ich hier nur vom
Goldfranken spreche; ganz etwas anderes würde es sein, wenn