Full text: Denkschrift über die in der Schweiz, Norwegen, Schweden, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika getroffenen Maßnahmen zur Preisstabilisierung des Getreides sowie über die dabei gemachten Erfahrungen

Ausfuhrregelung wurde ziemlich gleichzeitig, im 
Sommer 1920, in den Vereinigten Staaten, in 
Kanada und in Australien beseitigt. In den Haupt— 
einfuhrländern bestanden aber die in der Kriegs— 
zeit entstandenen staatlichen Einfuhrorganisationen 
'in nicht unerheblichem Maße weiter. Wenn man 
betont, daß in der Nachkriegszeit nach Stillung 
des durch die Kriegszeit verursachten Heißhungers 
die Kaufkraft des schwächsten für die Unterbringung 
des, Angebots auf dem Weltmarkt noch in Betrachit 
ommenden Käufers maßgebend war, und daß dadurch 
der Preissturz auf dem Getreidemarkt in den Jahren 
1920/21 verursacht wurde, so darf nicht übersehen 
verden, daß die freie Preisbildung durch die in 
Deutschland, in der Schweiz und in Norwegen noch 
ortbestehenden Staatsmonopole ausgeschaltet war. 
In Deutschland wurde die Brotgetreideeinfuhr aus 
Reichsmitteln bestritten. Die nöligen Devisen ver— 
schaffte sich das Reich bis zur Stabilisierung der 
Währung durch zwangsweise Erfassung der Ausfuhr— 
devisen. Soweit die deutsche Nachfrage nach Ge— 
treide in Frage kam, war dadurch auch die Einwir— 
kung der Währungsverhältnisse auf die Preisbil— 
dung am Weltmarkt gehemmt. In England wurden 
gesetzlich garantierte Mindestpreise für inländischen 
Weizen sogar erst durch Geseß von 1920 eingeführt. 
Die Mindestpreise kamen allerdings nicht zur Wir— 
kung, weil bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1921 
die Marktpreise höher waren. Aber die seit 1916 
bestehende Königliche Weizenkommission, die die ge— 
samte Weizeneinfuhr und Verteilung in der Hand 
fatte, war doch bis August 1921 in Tätigkeit. In 
sterreich wurde die Getreidezwangswirtschaft erst 
mit Wirkung für die Ernte 1922 beseitigt. In den 
Erörterungen über die amerikanischen Gesetzesvor— 
lagen kehrt überall der Gedanke wieder, daß der 
in den Vereinigten Staaten wieder herzustellenden 
»der neu zu schaffenden auf gesetzlicher Grundlage 
ufgebauten Absatzorganisation entsprechende Ein— 
kaufsorganisationen in den Zuschußländern gegen— 
überstehen. Man spricht davon, daß den Regierungen 
der Zuschußländer Darlehen gegeben werden sollen 
nit der Verpflichtung, den Gegenwert der Darlehen 
in der Form von landwirtschäftlichen Erzeugnissen 
hjereinzunehmen. Man glaubt, in solche Darlehns— 
derträge zugleich Vereinbarungen über die Preise 
der landwirtschaftlichen Erzeugnisse aufnehmen zu 
önnen. Es sei dabei nach der Corner grocery 
Device zu verfahren, d. h. wie der Krämer mit 
einem auf Borg kaufenden Kunden verfährt. Der 
n Not befindliche Schuldner müsse sich bei der 
Preisfestsetzung für die in Rechnung auf das Dar— 
sehen zu nehmenden Waren höhere Preise gefallen 
lassen als der Käufer auf dem freien Markte. Man 
glaubt, gleichzeitig durch solche Verträge die Preis— 
hildung auf dem freien Markte beeinflussen zu 
önnen. Man verweist auf den Vorgang, der unter 
der Bezeichnung „gikt-corn movement?“ viel erörtert 
vurde's). Der Präsident der Vereinigten Staaten 
hatte sich entschlossen, den unter Hungersnot leiden— 
den russischen Landbezirken durch ein Geschenk an Ge— 
o6) Héarings before the Committeé on Agricusture 
House of Répresemtatüves.“ 20. Januar 1926. 86erial O, 
Part. 2, S. 78. 
reide im Werte von 20 Millionen Dollars zu Hilfe 
u kommen. Die Nachricht, daß die Regierung als 
däufer bis zum Betrage von 20 Millionen Dollars 
uuf den Markt komme, wirkte anregend auf die 
Lreise, und der Gewinn, der infolgedessen der 
'andwirtschaft der Vereinigten Staaten durch günsti— 
jeren Absatz ihrer Bestände zugeflossen sein soll, wird 
»uf 15 Millionen Dollars berechnet. Derartige Ge— 
»ankengänge werden den inzwischen in den Zuschuß— 
ändern eingetretenen Veränderungen nicht mehr ge— 
echt. Außer in der Schweiz bestehen keine stagt— 
sichen Einkaufsorganisationen mehr und der Plan, 
darlehen auf der dargelegten Grundlage zu geben, 
ird sich kaum in absehbarer Zeit verwirklichen lassen. 
5oweit eine staatliche Beeiuflussung der Getreide— 
ewegung noch besteht, ist sie durchweg darauf ge— 
ichtet, in erster Linie der inländischen Erzeugung 
en Markt zu sichern und die Einfuhr zu beschränken. 
derartige, in neuerer Zeit vor allem aus wäh— 
ungspolitischen Rücksichten in Frankreich, Belgien, 
talien und Spanien getroffene Maßnahmen haben 
öchstens preisdrückend auf den Weltmarkt gewirkt, 
aben aber nicht mehr die Gestalt einer staatlichen 
rinfuhrorganisation, die mit staatlichen Ausfuhr— 
rganisationen in Überschußländern in Zusammen 
rbeit treten könnte. 
In diesem Zusammenhang sind Arbeiten zu er 
Ȋhnen, die im Jahre 1925 in England zwei Unter 
uchungsausschüsse der Frage der Nahrungsmittel 
— 
us 16 Mitgliedern bestehende königliche Kommis— 
ion, der durch Verordnung vom 29. November 192 
ie Aufgabe gestellt war, die Preisbildung der wich— 
igsten Nahrungsmittel im Groß- und Kleinhandel 
ind insbesondere das Verhältnis zwischen Er— 
euger- und Kleinhandelspreisen zu untersuchen, und 
inen von dem Landwirtschaftsminister E. F. L 
Vood des Kabinetts Macdonald zur Untersuchung 
er Ursachen der Preisschwankungen agrarischer 
zrodukte eingesetzten Ausschuß. Die dabei zur Er 
rterung gelangten Pläne betreffen die Einführung 
ines Einfuhrgenehmigungssystems für solche Nah— 
ungsmittel in England, die nicht aus dem englischen 
Leltreich stammen. In der Weiterentwicklung 
nieses Gedankens wurde die Errichtung einer staat— 
ichen Einkaufsorganisation vorgeschlagen, in deren 
dand die Einfuhr von Fleisch und Weizen von 
ußerhalb des britischen Weltreichs monopolisiert 
derden soll. Auf diesem Wege soll eine Reserve in 
en wichtigsten Nahrungsmitteln geschaffen und 
leichzeitig der Regierung ein Mittel au die Hand 
gJegeben werden, um milt Hilfe der aufagefstavbpelten 
s) Dr. Rudolf Seiff. „Zwei Berichte englischer 
Intersuchungsausschüsse über Nahrungsmittelpreife“n in 
Berichten über Landwirtschaft“. Zeitschrift für Agrar— 
»olitik und internationale Landwirtschaft. Neue Folge 
zand III, Heft 2, 1926. 
„Reéport of tho Committeée on Stabilisation of Agri- 
ultural Prices.“ Herausgegeben vom englischen Ministe— 
ium für Landwirtschaft und Fischerei. KFeonomic Series 
Ir.2. London 19258. 
Dr. Charlotte Leubuscher.“ „Siele und Mittel 
»er Handelspolitik in den britischen Dominions“ in neue 
ßrundlage der Handelspolitik. Veröffentlichung des Ver— 
ins für Soßialpolitik. 3. Teil. Leinzia-Müunchen 1926
	        
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