Der Reiche 55
Die kritiklose Bewunderung, die sie umgibt, schafft ihnen eine
naive Sicherheit im Urteil über Dinge, bei denen ihnen jegliche
Urteilsfähigkeit abgeht, läßt sie nicht nur glauben, daß sie
nichts Unrechtes tun können, sondern auch, daß ihnen nichts
unmöglich ist, und alles, was sie unternehmen, zu einem Er-
folge führen muß, wie sich dies, um nur ein, freilich sehr
groteskes, Beispiel anzuführen, in dem Fordschen Friedens-
schiff in so kindlicher Weise dokumentierte. Den Zugang zur
„Gesellschaft“ zu schaffen, ist allerdings Reichtum allein nicht
imstande; hierzu ist es noch nötig, daß man sich den Kon-
ventionen unterwirft, man muß auch „respectable‘“ sein und
darf keinen Anstoß erregen. Aber die Zensur, der der reiche
Mann untersteht, ist nicht allzu streng, und man erlaubt und
verzeiht ihm manches, was man bei anderen nicht entschul-
digen würde.
So hat man Amerika das „Paradies der reichen Leute‘
heißen können®83, was es aber nur hinsichtlich der sozialen
Stellung, nicht in bezug auf die Möglichkeiten des Genießens
ist. In dieser Hinsicht wird ja viel weniger geboten als in
Europa, und alles, was über die Bedürfnisse der Masse hinaus-
geht, ist auch ungemein teuer. Dem, der etwas Besonderes, der
Abwechslung, kultivierte Vergnügungen zu haben wünscht,
bleibt nichts anderes übrig, als eine Reise nach der Alten Welt,
die auch noch mit der Annehmlichkeit verbunden ist, der
Kontrolle der Landsleute nicht zu unterstehen.
Es ist ganz aus kapitalistischem, speziell angelsächsischem
Gesichtswinkel gesprochen, wenn Lady Montagu gesagt hat: