Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

114 —— Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
hinein in das Werden der von ihm erschauten Zeit, bis in 
die sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. 
Kann aber das politische Denken des Dichters, wie wir 
es bisher kennen gelernt haben, im Begriffe einer Freiheit kon⸗ 
zentriert werden, den er von dem radikalen Pole vorgestellter 
subjektivistischer Willkür bis zu den höchsten Forderungen sub⸗— 
jektivistisch-politischer Selbstzucht durchmaß, so ist damit der Kreis 
seines politischen Vorstellens und Empfindens noch nicht völlig 
umschrieben. Denn Schillers politisches Denken war nicht abstrakt, 
raum⸗ und gegenstandslos, das Denken eines halb zeitlosen 
Philosophen. Mit heißem Pulsschlag vielmehr grüßte es dies 
deutsche Land, bezog es sich auf Staat und Volk der Heimat. 
Und hier wurzelte es, wie so oft das national deutsche 
Empfinden auch noch unserer Tage und wie regelmäßig das 
Denken der Zeitgenossen des Sturmes und Dranges, anfangs 
in einer gleichsam unbewußten, angeborenen, natürlichen Liebe 
zur engeren Heimat: bis es seine Schwingen höher und 
höher hob und schließlich das Vaterland im späteren Sinne 
des Arndtschen Vaterlandsliedes umkreiste: auch die Schweiz 
hat Schiller zu Deutschland gerechnet. 
Wie aber stellte es sich, so bis zu dem Patriotismus 
emporwachsend, der im „Tell“ lodert, nun zu dem Begriffe des 
Kosmopolitismus, der, so weit in der Zeit verbreitet, die Zeit 
zanz zu beherrschen schien? 
Eine der schwierigsten politischen Fragen des Zeitalters 
des Subjektivismus überhaupt tut sich hier auf, und nicht in 
logischem Schlusse, um so herrlicher aber gefühlsmäßig hat 
sie Schiller beantwortet. Waren die Deutschen seiner Zeit, 
trotz mancher militärischer Niederlagen und trotz und wegen 
eines Staatswesens, das nach tausendjähriger Vergangenheit 
ruhmlosem Untergange entgegentrieb, nicht dennoch im Be— 
griffe, im ewig Dauernden, im Reiche des Geistes die Welt 
zu erobern? Schiller, einer der großen Heerrufer seiner 
Tage, stand weniger sicher unter dem ständigen Bewußtsein, 
als unter dem stetig großgearteten Eindruck dieses Zu— 
sammenhanges. Und indem er ihn gegen Ende seiner Tage
	        
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