Die Gruppe der Unentwegten
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durch das Leiden des andern erkauft. Auch der Mensch ist
diesem Gesetze unterworfen. Aber schon in prähistorischer Zeit
zeigt sich ein wesentlicher Vorzug desselben. Während die
niederen Gattungen nur die Macht zu zerstören besitzen und
unfähig sind, die Nahrungsmittel, von denen sie leben, zu ver
mehren, ist das Menschengeschlecht nicht in Zahl und Bedürfnis
befriedigung durch die Fruchtbarkeit der Arten, von denen es
lebt, begrenzt, sondern es kann sich durch Ausübung seiner
Produktivkraft vermehren und sich eine höhere Bedürfnis
befriedigung verschaffen.
Entwicklungsgeschichtlich beginnt allerdings der Mensch,
wie die niederen Tierarten, mit ausschließlicher Anwendung der
Zerstörungskraft. Die Konkurrenz zwischen Mensch und Tier
geschieht zunächst durch den Krieg. In diesem war der Mensch
ursprünglich der physisch schwächere Teil. Aber er besaß eine
Intelligenz, die höher war als diejenige seines Konkurrenten.
Er erfand und produzierte die Waffen, mit denen er jene er
schlug. Von nun an gehörten ihm allein die Jagdgründe, welche
er vorher mit den fleischfressenden Tieren zu teilen genötigt war.
Die von den Konkurrenten der Tierwelt befreiten mensch
lichen Jägerhorden konnten sich jetzt in ausgiebigerem Maße
vermehren. Da mußte notwendig ein Augenblick kommen, wo
die Zahl der menschlichen Individuen über die erreichbaren
Subsistenzmittel hinaus wuchs. Man hatte nun die Wahl, ent
weder den Überschuß durch Kinderaussetzung oder Menschen
opfer zu beseitigen, oder durch Raub, Viehzucht oder Ackerbau
den notwendigen Unterhalt für die zahlreichere Bevölkerung zu
gewinnen. Welchen dieser Wege die primitiven Stämme wählten,
das hing von der Eigenart der einzelnen ab. Die Stärkeren
griffen zu Mord und Raub; die Schwächeren versuchten es erst
mit der Viehzucht, welche bereits unendlich ergiebiger war, als
die Jagd und gingen dann zum Ackerbau über.
In dem Maße als die fortschrittlichen Stämme produzieren
lernten, anstatt zu zerstören, wurden sie weniger kriegstüchtig.
Sie unterlagen im Kampfe mit den unkultivierten Jägerhorden,
während in der primitiven Epoche des Kampfes zwischen den
großen Tierarten und dem Menschen der Sieg denen gehörte,
welche des Fortschritts am fähigsten waren. So erklärt sich
die Zerstörung der prähistorischen Kulturen.