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Die Erneuerung der Platonischen Philosophie,
all sonst ein einseitiges und losgelöstes Sonderdasein führen, sind
in ihr unmittelbar verschmolzen und versöhnt. Die christliche
Lehre ist hier ihrem allgemeinsten Gehalt und Sinne nach vor-
gebildet und zum reinen Ausdruck gebracht; der Inhalt der vor-
angegangenen grossen Systeme des Altertums ist bewahrt und zu
begrifflicher Klarheit erhöht. Die Verschiedenheit der Lehrmei-
nungen entstammt nur der mannigfachen Auslegung der Einen gött-
lichen Grundoffenbarung, die aller Geschichte der Philosophie und
Religion vorausgeht und zugrunde liegt. So werden denn auch die
Wandlungen und inneren Umbildungen, die die Platonische Lehre
selbst erfahren hat, gleichmässig hingenommen und als Stufen
einer stetigen und gleichartigen Gedankenentwicklung ausgedeu-
let. In der Werkstatt des Plotin, des Porphyrius, Jamblichus und
Proklus erst wurde das Gold der Platonischen Philosophie — wie
Ficin in einem Briefe an Bessarion ausspricht — im Feuer der
schärfsten Kritik geläutert und von allen Schlacken befreit, so-
dass sein Glanz nunmehr den Erdkreis erfüllte.’) Mit dieser An-
erkennung wird für all die verschiedenen mystischen Neben- und
Unterströmungen des Platonismus freier Raum geschaffen. Die
Ideenlehre wird nunmehr nur wie durch ein fremdes Medium
hindurch erblickt und verstanden. Leibniz hat den innersten
Mangel der Lehre Ficins bezeichnet, wenn er ihr vorwirft, dass
sie sich vor allem auf die „hyperbolischen“ und transscendenten
Fragen geworfen habe, statt die echten methodischen Funda-
mente: die exakten Definitionen, die Platon von den Grund-
begriffen gibt, weiter zu verfolgen.) Wir sahen bereits bei Ple-
thon, dass die Reform der Metaphysik, auf die er ausging, die
Aristotelischen Grundlagen der Wissenschaft und der empi-
rischen Forschung unberührt liess. Diese Schranke ist auch
hier noch nicht gefallen: Als der charakteristische Vorzug Pla-
tons gilt es, dass er sich von Anfang an lediglich der Erforschung
des Göttlichen hingegeben habe, während alle übrigen Philo-
sophen sich an die Betrachtung der Natur verloren hätten, von
der nur eine unvollkommene und „träumende“ Erkenntnis mög-
lich sei.® In dieser Zuordnung der Körperwelt zu einer nie-
deren Sphäre des Seins und des Wissens unterscheidet sich Ficin
scharf von der eigentlich modernen Form des Platonismus, die
auf dem Boden der exakten Naturwissenschaft erwachsen ist. —