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wird man bei genauerer Untersuchung finden, daß es sich
um rein künstlich Erzeugtes handelt, da bei andern Rassen
oder Klassen dieselben Sexualmerkmale nicht existieren.
So, wenn im modernen Europa von unwissenden Beurtei-
lern der Frau eine dem Manne fremde, natürliche Vor
liebe für farbige Gewänder und Schmuck zugeschrieben
wird, während die Beobachtung anderer Rassen und ver
gangener Epochen lehrt, daß der Mann oft noch mehr
darauf hielt, sich prächtig zu kleiden und mit glänzenden
Juwelen zu schmücken, oder, wenn bei manchen wilden
Stämmen der Gebrauch des Tabaks als ein ausschließ
lich weibliches Prärogativ gilt, während in der modernen
Gesellschaft das Tabakrauchen mit Männlichkeit in Ver
bindung gebracht wird.*
* Die Männer der heutigen wilden Stämme mit ihrer Bemalung, ihren
Federn, Katzenschwänzen und ihrem Halsschmuck sind unendlich auf
fallendere, geputztere Erscheinungen als ihre Weiber, selbst wenn diese
mit Perlen und Armringen zum Tanz geschmückt sind. Die Männer des
Orients konnten manchmal unter der Last ihres Schmuckes kaum auf
recht gehen und vor einigen Jahrhunderten waren die Männer Europas
mit ihren gepuderten Perrücken, Spitzen-Jabots, Manschetten und fal
schen Edelsteinschnallen, ihren federgeschmückten Dreimastern und
Schönheitspflästerchen ganz ebenso lächerlich in ihrer Überladenheit wie
die gleichgestellten Frauen ihrer Zeit oder die parasitischesten Frauen
der Jetztzeit. Sowohl bei Klasse als Individuum, bei Mann wie Frau ist
eine starke Vorliebe für Putz und auffallenden Schmuck fast immer die
unabänderliche Begleiterscheinung und Folge des Parasitismus. Wenn
die parasitische Frau aus unserer heutigen Gesellschaft verschwinden
würde, so würde auch jene französische Mode mit all ihren grotesken
und gezwungenen Formen (die weder schön, noch nützlich, sondern nur
auffallend sein wollen) aussterben. Das Maß, in dem heute eine Frau, die
nicht der parasitischen, sondern einer arbeitenden Schicht angehört, den
Moden der ersteren zu folgen sucht, kann gewöhnlich als fast sicheres
Zeichen angesehen werden für die Leichtigkeit, mit der sie, sobald die
Gelegenheit sich bietet, dem Parasitismus anheimfallen würde. Die Nei
gung der heutigen gebildeten, geistig arbeitenden Frau, eine rationellere
Art des Anzugs anzunehmen, die weniger geeignet ist, die Aufmerksam
keit auf sich zu lenken, als Bequemlichkeit zu bieten und den Wegfall
alles Behindernden, wird oft als ein Versuch sklavischer Nachahmung
des männlichen Wesens bezeichnet. Tatsächlich aber sind es nur die
gleichen Ursachen, die gleiche Wirkungen auf menschliche Wesen mit
gemeinsamen Eigenschaften ausüben.