Contents: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
vielen Sätzen immer und immer wieder bezeugt, war Feuer⸗ 
bach eine ganz moderne, reizsame Natur: ein Grübler von 
tiefer Melancholie, musikalischer Eindrücke bis zur Ekstase fähig, 
dabei asketisch angelegt, voll jeglichen Verzichts auf Selbst— 
zufriedenheit und voll des Pessimismus des 19. Jahrhunderts. 
Darum sprechen seine Bilder gleichsam gedämpft zu uns, jeder 
schrille Laut ist fern; kein Zug der Leidenschaft stört, eine er— 
habene Ruhe spiegelt die in tausend Aufregungen erworbene 
Resignation des Kämpfers wider, — wie gern hat er Iphi— 
genienbilder gemalt: er zuerst hat die herbe Schönheit, die von 
Willkür freie Gesetzmäßigkeit, die Selbstverständlichkeit des 
bloßen Angeschautseins des modernen idealistischen Kunstwerks. 
Und er zuerst prägte diese Eigenschaften in einem besonderen 
Körperideal und auch schon in der Idealisierung des Gesamt— 
bildes aus. 
Ganz hat sich Feuerbach erst in Rom (seit 1856) gefunden, 
im Anblick der großen Monumentalmaler des 16. Jahrhunderts 
und der bildnerischen Schöpfungen der Antike. Jetzt erst ward es 
ihm aus den innersten Tiefen seiner Veranlagung her zu einer 
überzeugungsvollen Erfahrung, ja zu einer Offenbarung, die 
ihn wie eine Erleuchtung und vollkommene Seelenwandlung 
anmutete, daß die künstlerische Phantasie nicht mit der bloßen 
Aufnahmefähigkeit für die Natur erschöpft sei, daß sie vielmehr 
ihre höchste Kraft erst zeige in dem Vermögen, aus der 
Summe der gedächtnismäßig aufgespeicherten Anschauungs— 
eindrücke in dichterischer Kraft das herauszugreifen, was in 
individueller Umgestaltung ein Bild ergiebt!. Schon früh hatte 
Feuerbach seine Seele erfüllt gefunden von Bildern, deren an— 
schauliches Leben ihn bedrängte, bis er sie in Gemälden aus 
sich heraus bannte: jetzt, in der erhabenen Stille Roms, begriff 
er dies seelische Dasein als das des Künstlers. 
Dabei wies ihn die eigene Begabung wie die Landesnatur 
vor allem auf die Wiedergabe menschlichen Lebens und ganz 
besonders menschlicher Körperhaftigkeit: ihre phantasievolle Nach— 
S. Allgeyer, Anselm Feuerbach,. S. 389 -90.
	        
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