Z Kap. VI. Der Kapitalzins.
Eben dadurch, daß der Zinsfuß die wechselnde Nachfrage nach Kapital-
disposition stets in Übereinstimmung mit der knappen Menge derselben
hält, wird der Zinsfuß der allgemeine Regulator der Auf- und Nieder-
gangsbewegungen des Wirtschaftslebens, dessen durchgreifende Be-
deutung wir erst im letzten Buche dieser Arbeit näher kennen lernen
können.
_ Diese Ergebnisse unserer Untersuchung über die Bestimmungs-
gründe des Zinses zeigen, wie wenig die gewöhnliche Auffassung des
Zinses als „Kosten‘“ im Sinne Marshalls, also als ein Preis, der be-
zahlt werden muß, um die Sparer für das Opfer des „Wartens“ zu
entschädigen, den Kern der Sache trifft. Marshall muß, um seine
Auffassung des Begriffs der Kosten aufrechtzuerhalten, ein gewisses
Gewicht auf die Annahme legen, daß eine Steigerung des Zinsfußes eine
Tendenz zur Vermehrung des Umfangs des Sparens hat!). Es ist mög-
lich, vielleicht auch wahrscheinlich, daß eine solche Tendenz sich in
Wirklichkeit geltend macht. Aber es ist keineswegs notwendig, daß
es sich so verhält. Die ganze Theorie der Preisbildung und natürlich
auch die der Verteilung, die doch nur eine Seite der Theorie der Preis-
bildung ist, muß in ihren wesentlichen Formen dieselbe bleiben, auch
wenn der Umfang des Sparens unabhängig vom Zinsfuß wäre. Eine
kleine und jedenfalls nur quantitative Veränderung eines Faktors der
Preisbildung darf nicht unsere Auffassung der Natur dieses 'Faktors
oder gar unsere Darstellung des ganzen Mechanismus der Preisbildung
beeinflussen.
Im ersten Buche haben wir die Mengen der verschiedenen elemen-
taren Produktionsmittel, die in jeder Einheitsperiode zur Verfügung
stehen, als gegeben angenommen. Diese Voraussetzung wird jetzt mit
Bezug auf die Kapitaldisposition aufgegeben. Anstatt dessen nehmen
wir nunmehr an, daß die Menge der in jeder Einheitsperiode zur Ver-
fügung gestellten Kapitaldisposition bestimmt ist, sobald der Preis der
Kapitaldisposition, also der Zins, gegeben ist. Für die Lösung des all-
gemeinen Preisbildungsproblems ist diese Voraussetzung gleichwertig.
Denn bei unserer Behandlung dieses Problems werden ja die Preise
der Produktionsmittel zunächst als gegeben angenommen und dann die
Bedingungen hergeleitet, welche diese Preise bei Gleichgewicht erfüllen
müssen. Einer dieser Preise ist jetzt der Zins.
Nun haben wir im dritten und vierten Kapitel annehmen müssen,
daß die Geldsummen, die für den Verbrauch resp. für das Sparen in
jeder Einheitsperiode zur Verfügung stehen, mit den Preisen der Pro-
duktionsmittel gegeben sind. Auf die besondere Stellung des Zinses
konnten wir dabei keine Rücksicht nehmen. Als Preis eines Prodüuktions-
mittels ist der Zins ein Element in der Einkommensbildung, sowie auch
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