Daß unser Arbeiter aber die Produkte anderer Länder genießen
kann, ist nur durch viele Vorbedingungen möglich. Nur der rege
Schiffsverkehr und die Eisenbahnen verbilligen den Transport derart,
daß seine Kaufkraft zum Bezuge der Artikel ausreicht. Aber diese
wurden erst möglich durch bedeutsame Erfindungen als Ergebnisse
Jahrhunderte alter Kultur, von der jeder von uns in jedem Momente
Nutzen zieht, meist ohne es sich zu vergegenwärtigen. Mit Recht sagt
Frederic Bastiat einmal: Der Kulturmensch müßte Jahrhunderte arbeiten.
wenn er das selbst herstellen wollte, was er an einem einzigen Tage ge-
nießt; und die Sozialdemokraten sind sehr im Irrtume, wenn sie be-
aaupten, der Arbeiter habe nicht Anteil an den Segnungen der Kultur.
Wie der Kulturmensch so verwertet, was Andere für ihn ge-
schafft haben, arbeitet er auch für Andere, event, in fernen Gegenden,
vielleicht noch für spätere Jahrhunderte. Der Maurer baut an einem
Hause, das er nicht bewohnen wird, der Schlosser in einer Fabrik an
3iner Maschine, die vielleicht für Japan bestimmt ist, der Erdarbeiter
schafft an einem Tunnel, der noch nach Jahrhunderten den Verkehr
arleichtern soll, den er selbst aber nie durchfährt. Aber Jeder erhält
schon hier sofort den Lohn für seine Arbeit, die einem anderen Welt-
;eil oder noch nach 100 Jahren seinen Nachkommen zu gute kommt.
Ebenso bezahlt der Arbeiter mit seiner Karre Erde das Brot des
Bäckers, wie das Getreide, aus dem das Brot hergestellt war, und damit
avent. den Landwirt in Australien oder Nordamerika, der es gebaut
hat; der Maurer mit seiner Arbeit trägt nicht nur die Schuld bei dem
Händler für das Kleid seiner Frau ab, sondern entschädigt den Schiffs-
kapitän, der die Baumwolle von New-Orleans herüberbrachte, wie den
Farmer, der sie baute, und er bezahlt noch nachträglich den Aus-
wanderer für die Kultivierung des Bodens vor mehr als 200 Jahren.
So wird auf diese Weise die "Thätigkeit nicht nur von verschiedenen
Weltteilen, sondern auch von Generationen miteinander ver-
bunden. Das Vorausgenießen von Leistungen, die erst später nutzbar
werden, und das Heimzahlen für Nutzungen an frühere Generationen
durch die Vermittlung des Kredites gehört zu den interessantesten
Kapiteln unserer Wissenschaft.
Es ergiebt sich aus allem, daß heutigen Tages jede Privatwirt-
schaft der Kulturländer mitten im Strome des großen Weltverkehres
steht. Sie ist zu vergleichen mit der Masche eines großen, weitver-
zweigten Netzes oder dem Zahn eines Rades in einem komplizierten
Mechanismus oder richtiger mit der Zelle eines tierischen Organismus,
welche durch Osmose und Endosmose eine selbständige Lebensthätigkeit
antfaltet, durch beständigen Austausch mit den Nachbarzellen Nahrung
aufnimmt und wieder abgiebt, während sie isoliert zu Grunde geht,
ınd nur im Zusammenhange als Teil eines lebenden Organismus
Höheres zu leisten vermag.
Der oberflächliche Beschauer ahnt hier ebensowenig den inneren
Zusammenhang der Thätigkeiten der Privatwirtschaften wie bei dem
Hin- und Herlaufen der einzelnen Tiere in einem Ameisenhaufen, und
a8 bedarf einer tiefgreifenden Untersuchung, um den Zusammenhang von
Ursache und Wirkung zu erkennen. Gerade so, wie in der medizinischen
Wissenschaft die Anatomie und Physiologie die Aufgabe haben, die
Beschaffenheit der menschlichen Körperteile, ihren Zusammenhang und
ihre Funktionen festzustellen, so hat in unserer Disziplin der mensch-
liche Forschergeist es sich zur Aufgabe gemacht, die wirtschaftlichen