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Bernhard Harms
hier auch nur erschöpfend aufzeigen, geschweige denn sie erledigen zu
wollen, muß ich mir versagen, hauptsächlich deshalb, weil es an den Vor-
aussetzungen dafür noch völlig fehlt. Fast alle Erkenntnisgrundlagen auf
diesem Gebiet müssen erst noch gewonnen werden, wozu es umfassender
und tiefschürfender Einzeluntersuchungen in sämtlichen weltwirtschaft-
lich wichtigen Erdräumen bedarf. Es bleibt mir somit nur übrig, die
Problematik als solche zu beleuchten und die Wege zu zeigen, die mög-
licherweise zur Erkenntnis hinführen können.
Vorweg sei bemerkt, daß ich unter Kon junktur schlechthin
jeweilige Marktlage verstehe. Im konjunkturtheoretischen, hier zunächst
allein in Betracht kommenden Sinne begreife ich darunter eine konti-
nuierliche Abfolge von Marktgestaltungen in Form eines determi-
nierten Phasenwechsels innerhalb eines wirtschaftlichen Kreislaufes.
Das Wesen (und die Wertung) der einzelnen Phasen als Inbegriff von
artmäßig gleichen Marktlagen bestimmt sich allgemein durch das Ver-
hältnis von Angebot und Nachfrage auf den Märkten der Güter,
Dienste und Kredite, im besonderen durch das Verhältnis von
Produktions- und Absatzmöglichkeit.
Konjunkturschwankungen im eigentlichen Sinne charakterisieren
sich als Phasenänderungen (Phasenschwankungen). Von ihnen sind
zu unterscheiden Schwankungen innerhalb der einzelnen Phasen-
abläufe auf den Märkten, wie sie durch saisonmäßige Einflüsse, Stimmung,
Spekulation, politische Tagesereignisse u. dgl. bedingt werden (Pha-
senablaufschwankungen). Die letzteren sind praktisch für die
Konjunkturforschung von großer Bedeutung, doch berühren‘ sie nicht
das eigentliche Problem des Kreislaufes.
Nur ausnahmsweise dürfen Strukturwandlungen, über deren Begriff
das Erforderliche zu Beginn des Vortrages gesagt wurde, und Kon-
junkturschwankungen als sich deckende Erscheinungen angesehen
werden. Zwar wirken Strukturwandlungen in jedem Falle auf die
Konjunktur ein, nicht hingegen führen Konjunkturschwankungen regel-
mäßig zu Strukturwandlungen. Konjunkturschwankungen haben wohl
Erschütterungen des Wirtschaftsgefüges zur F olge, verändern aber in der
Regelnicht dessen Charakter. Je nach dem Grade, in welchem sie auftreten,
können sie zeitweilig zu empfindlichen Funktionsstörungen führen, doch
lassen sie die ursprüngliche Kräftelagerung überwiegend unberührt oder
verhindern wenigstens nicht ihre Wiederherstellung. Nur wenn Konjunk-
turschwankungen ausnehmend heftig sind (wobei dann immer noch zu
untersuchen bleibt, ob sie wirklich ausschließlich kreislaufmäßig bedingt
sind), führen sie zu Strukturwandlungen — wie periodisch auftretendes
Beben der Erde, das in weitaus den meisten Fällen zu dauernd morpholo-
gischen Veränderungen der Erdoberfläche nicht führt, doch gelegentlich