Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

262 VIII Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 
13. Jahrhunderts Reichsstädte werden, so waren sie ihrer inneren Ent- 
wicklung nach reif für die ihnen zugedachte Stellung. Wien wurde sehr bald 
wieder landesherrliche Stadt; seine Autonomie im 14. Jahrhundert gebeugt, 
im 16, zerbrochen. Als Hauptstadt der Habsburgischen Monarchie erlebte es 
dann seinen neuen Aufschwung. Lübeck, das mit gutem Grunde im Jahre 1926 
den 700jährigen Gedenktag seiner Reichsfreiheit feiern konnte, hat sich 
am ungehemmtesten von allen deutschen Städten nach eigenem Gesetz 
entwickeln können, und in dieser Entwicklung den eindringlichen Nachweis 
der politischen Fähigkeiten autonomen deutschen Bürgertums erbracht. 
Das 13. Jahrhundert ist dann so recht das Jahrhundert landesherrlicher 
Stadtgründungen gewesen”); nicht nur auf deutschem Kolonialboden, 
sondern auch in Altdeutschland, so am Niederrhein, so in der Schweiz”?), 
Schlesien ist ja der klassische Boden solcher Stadtgründungen gewesen. Eine 
Unmenge auch kleinster Städte, die ihrem wirtschaftlichen Charakter nach 
nichts mit jenen Fernhandelsgründungen zu tun haben, sind damals oft in 
gegenseitiger Konkurrenz der Landesherren entstanden. Aber auch Schöpfun- 
gen, die sehr bald Bedeutung gewannen, vor allem Thorn und Breslau selbst, 
eine der weiträumigsten planmäßigen Gründungen dieser Zeit’®). Thorn und 
Breslau zeigen aber auch, wie sich in diesen fernhändlerisch bedeutungs- 
vollen Städten das Bürgertum sehr bald die Verfügung über den Markt zu 
erobern weiß, die ihnen hier zunächst, im Gegensatz zu den Gründungs- 
unternehmerstädten des 12. Jahrhunderts, durch den Landesherrn und seine 
Organe vorenthalten war”), 
Nur flüchtig sind diese späteren Entwicklungen hier zu streifen; was als 
das wesentliche Ergebnis unseres eigentlichen Themas festzuhalten ist, 
scheint mir dies: Die ersten großen Neuschöpfungen im Kolonial- 
lande sind nach Initiative und Ausführung Schöpfungen des 
fernhändlerischen Bürgertums Altdeutschlands. Sie sind epoche- 
machend und richtunggebend gewesen für die Folgezeit. Nach der ver- 
fassungsgeschichtlichen Seite wäre noch hervorzuheben, daß diese Unter- 
nehmerstädte des 12, Jahrhunderts den geeignetsten Boden abgaben zu 
einer organischen Herausbildung der Ratsverfassung auf deutschem Boden, 
eben in logischer Weiterbildung aus den Unternehmerkonsortien heraus. 
Gerade die Geschichte des Werdens dieser Städte lehrt uns das deutsche 
Bürgertum als eine Energie geschichtlichen Werdens für eine Zeit schätzen 
und werten, für die der Bestand der schriftlichen unmittelbaren Überlieferung 
noch so ungünstig wie nur möglich ist.
	        
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