57. Die Funktionen der Börse auf dem Kapitalmarkt. 235
werte schwanken zwischen 300 und 2%. Der Rentabilitätssatz aber
(das heißt der Schlüssel, zu welchem die Dividende kapitalisiert wird)
variiert nur zwischen 5 und 8%, von wenigen Ausnahmsfällen abge
sehen. In den einzelnen Effektengruppen kann man von einem durch
schnittlichen Rentabilitätssatz sprechen, der bei deutschen Bankwerten
z. B. in normalen Zeiten 5—5% % beträgt und so fort. Eine große Menge
von Börsemitgliedern zieht ihren Gewinn daraus, daß sie das Publi
kum auf die höhere Rentabilität der Aktie einer Branche gegenüber
der einer andern bei gleich günstiger Bilanz oder eines Pfandbriefs
gegenüber jenem einer andern Bank aufmerksam macht und dadurch
zwei Operationen, einen Rauf und einen Derkauf, hervorruft.
Die Schaffung der Durchschnittsrentabilität durch die Börse er
möglicht den Banken bei Zinanzierungen und Rapitalerhöhungen ihre
Dispositionen mit größerer Sicherheit zutreffen als dies auf irgend einem
andern Gebiet des Rapitalmarkts möglich ist. wenn 4f4^>ige Pfand
briefe im Durchschnitt den Parikurs haben, kann der Bankleiter beiläufig
den Rurs festsetzen, zu welchem er eine neue Emission übernehmen kann.
Demgemäß sind auch die Bedingungen der Bankintervention auf dem
organisierten Rapitalmarkt relativ niedrig, selbst in jenen Zällen, wo
die Banken als Ronsorten Eigenengagement übernehmen müssen. Bei
manchen Städteanleihen ist der Ronsortialnutzen der Banken nur l %;
niemanden wird es einfallen, 5 Häuser zu 1 Million zu kaufen, wenn er
die ungewisse Aussicht hat, sie zu 5.050.000 zu verkaufen, weil ihm das
Risiko des Behaltens der Häuser zu groß wäre und ein allgemeingiltiger
Derkaufspreis sich überhaupt nicht bestimmen läßt. An der Börse aber
läßt sich der Derkaufspreis so genau abschätzen, daß man Anleihen von
mehreren l00 Millionen mit Margen von 1—3% übernehmen kann.
Das Ronsortialgeschäft ist überhaupt nur im Zusammenhang mit dem
Börsenpreis denkbar.
Richt bloß die berufsmäßigen Börsenmitglieder, sondern auch das
große Publikum kann die Rentabilitätsvergleichung vornehmen. Die
Publikation der Rurse veranlaßt geradezu jeden Rapitalbesitzer zur täg
lichen Bewertung seines Effektenbestandes, auch wenn er gar nicht Der-
kaufsabsicht hat. Mancher altväterische Rapitalbesitzer zieht darum die
Anlagen des nicht organisierten Rapitalmarkts vor, den hauskauf oder
den hgpothekarkredit, weil er sich nicht täglich durch das Rursblatt aus
seiner Ruhe bringen lassen will. Aber wenn er dann die Anlage lösen,
das Haus verkaufen will, oder wenn die Hypothek fällig wird, dann wird
er auf die Wertveränderung aufmerksam, die inzwischen vorgefallen
ist. Dor derartigen plötzlichen Ueberraschungen ist der Effektenbesitzer