Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

158 Zweiter Teil. Lande!. VII. Der Betrieb des Landels. 
frage dasselbe, was dort ein Steigen des Angebots bei gleichbleibenden Nachfrage- 
verhältniffen veranlaßt. 
Bei alledem ist aber zu beachten, daß jene so oft wiederholte Voraussetzung: 
„unter übrigens gleichen Umständen" tatsächlich sehr selten zutrifft, da Änderungen in 
einer der erwähnten Beziehungen fast immer auch Wandelungen in dieser oder jener 
anderen Beziehung zur Folge haben, welche die erwähnten Wirkungen durchkreuzen. 
And deshalb ist auch von jenen Änderungen nur zu sagen, daß sie die Tendenz 
haben, in gewissen Richtungen Preisänderungen nach sich zu ziehen. Namentlich aber 
hat man sich vor den Annahmen zu hüten, daß der Preis in die Löhe gehe, wenn 
die Nachfrage „größer" sei als das Angebot, sinke, wenn letzteres die Nachfrage „über 
wiege" usw. 
Entweder bezieht man hiebei nämlich die Worte Angebot und Nachfrage aus 
schließlich auf die gewünschten und resp. angebotenen Mengen. Dann sind jene 
Aussprüche Müster von Einseitigkeit, die besonderer Erklärung bedürfen. Denn 
in der Tat lehrt die Erfahrung täglich, daß auch „bei gleichen Quantitätsverhält 
nissen" eine Vergrößerung z. B. der Intensität der Nachfrage oder der Zahlungs 
fähigkeit der Nachfragenden die Preise in die Löhe treibt. Oder aber man denkt 
bei jenem Wort, wie es unter Einsichtigeren Regel ist, auch an die erwähnten 
anderen Momente: die Zahl und Zahlungsfähigkeit der Nachfragenden, den Grad 
und die Nachhaltigkeit ihres Verlangens, die Zahl der Anbietenden, den Eifer und 
die Nachhaltigkeit des Angebots rc. Dann schließen jene Behauptungen einen 
logischen Fehler in sich. Denn vermag man sichs denn wirklich vorzustellen, wie 
jener große Komplex von Momenten, der hienach als Angebot bezeichnet wird, „größer" 
oder „kleiner" sein kann als jener andere, den man Nachfrage nennt? Kann man sich 
wirklich denken, daß z. B. die Begehrsintensität oder die Zahlungsfähigkeit gewisser 
Personen hier „größer" sei als eine gewisse Warenmenge oder gewisse Pcrsonenzahl 
dort, resp. daß umgekehrt eine gewisse Warenmenge oder Personenzahl hier die Begehrs 
intensität oder Nachhaltigkeit dort „überwiegt"?! 
Offenbar kann davon nicht die Rede sein. Wer über diese Dinge nachdenkt, 
wird erkennen, daß man jene Komplexe an sich verschiedenartiger Dinge im Grunde 
nur in einer Beziehung abwägend einander gegenüberstellen kann, — in ihrer Be 
ziehung nämlich zu demjenigen, um dessenwillen man sie gruppiert, zum Preise. 
In dieser Weise aufgefaßt, besagen jene Gegenüberstellungen aber im Grunde 
wenig. Denn „die Nachfrage überwiegt das Angebot" oder „das Angebot überwiegt 
die Nachfrage" heißt dann eben nur: „Es überwiegen zum Steigen des Preises 
anlaßgebende Momente (die man Angebot und Nachfrage nennt) über zum Sinken 
des Preises führende Momente oder umgekehrt." Desgleichen heißt dann: Es sind 
in gewissem Falle Angebot und Nachfrage „gleich groß", „kommen sich einander 
gleich", stehen „im Gleichgewicht" usw., nichts anderes als: „Es halten sich zum 
Steigen des Preises und zum Sinken desselben führende, Angebot und Nach 
frage genannte Momente in dieser Wirksamkeit das Gleichgewicht", und endlich: 
„Der Preis wird durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt" — 
nichts anderes als: „Der Preis wird durch das Verhältnis bestimmt, in welchem sich 
gewisse auf sein Steigen und gewisse auf sein Sinken hinwirkende, Angebot und 
Nachfrage genannte Momente zu einander befinden" rc. 
Daß aber mit derartigen Aussprüchen nur wenig erreicht wird, liegt auf der 
Land. Zu sagen, daß ein Ding sinkt, wenn die zum Sinken desselben führenden Momente 
stärker sind als die in entgegengesetzter Richtung wirksamen, dagegen nicht sinkt, wenn 
diese und jene Momente sich das Gleichgewicht halten rc., heißt doch anscheinend nur 
Selbstverständliches äußern. And man wäre danach versucht, jenes in der Gegenwart 
so beliebte Wort von der „Bestimmung des Preises durch das Verhältnis von
	        
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