Der Solidarismus bei Charles Gide
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erkennbar gezeichnet. Gide dringt nunmehr auf dem Wege
der Elimination zu ihr vor 1 ).
Zunächst schaltet er die Aktien- und sonstigen Handels
gesellschaften als völlig ungeeignet zur Verwirklichung seiner
Ziele aus.
Dann spricht er den Berufsorganisationen ihr Urteil. Gewiß
sind sie eine der ältesten und solidesten Erscheinungsformen
menschlicher Solidarität. Da sie aber eng mit der Arbeits
teilung verbunden sind, tragen sie wie eine Erbsünde alle deren
Fehler: sie haben die Tendenz, die Menschen zu differenzieren ;
sie degradieren sie gewissermaßen, indem sie ihnen das Stigma
der Berufsarbeit auf drücken ; sie machen aus dem, was nur ein
Mittel sein soll, dem Beruf, den Zweck des Lebens; sie ziehen
einen Zunftegoismus groß, der nicht weniger furchtbar ist als
der individuelle, und sich ebenso gut wie dieser im Widerspruch
zum allgemeinen Interesse befinden kann. Die Berufsgenossen
schaften sind ferner ein Kampfmittel zur Verteidigung von
Berufsinteressen; sie sind eine bewaffnete Solidarität. Gide ist
der Ansicht, daß ihre Bolle in der Zukunft eine vorüber
gehende sein wird. Die berufliche Existenz wird in dem Leben
eines jeden Menschen eine immer mehr zurücktretende Bedeu
tung haben.
Eine andere Form des genossenschaftlichen Zusammen
schlusses sind die auf Gegenseitigkeit beruhenden Assoziationen.
Auch sie sind eine der ältesten Formen menschlicher Solidarität,
und zwar eine sittlich sehr hochstehende; denn ihr Wesen be
steht darin, daß z. B. in den Kranken- und Lebensversicherungs
genossenschaften die Starken und Gesunden den Schwachen
und Kranken zu Hilfe kommen. Sie verwirklichen so die kom
munistische Formel: von jedem nach seinen Kräften, jedem
nach seinen Bedürfnissen. Schattenseiten der Gegenseitigkeits
genossenschaften sind aber: in den Assoziationen, welche Spar
oder Altersrentenzwecken dienen, herrscht das Prinzip der Ton
tine, d. h. die Überlebenden teilen sich die von den früher
Verstorbenen gezahlten Beiträge; ferner ist das Betätigungs
gebiet der Gegenseitigkeitsgenossenschaften beschränkt, und
zwar auf das, was man den pathologischen Zustand des sozialen
>) ibid. p. 224 ff.