Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Theorie der Wahrnehmung. 
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denen Inhalten empfinden, aus diesen materialen Voraussetzungen 
nicht verständlich zu machen. Was die Sinne uns darbieten, 
bleibt eine wirre chaotische Masse beziehungsloser Eindrücke: 
Einheit und Zusammenhang entstehen erst in der Auffassung 
and Beurteilung durch den Intellekt, der diese Prädikate von 
sich aus auf die Gegenstände überträgt. Man wende nicht ein, 
dass die Seele im Akte der Vergleichung die Proportion 
zwischen den Inhalten nur vorfinde, nicht erschaffe; — dass 
sie also kein notwendiger und unerlässlicher Faktor für die Ent- 
stehung und den Gehalt der Harmonie sei. Der Geist vermöchte 
die harmonischen Verhältnisse nicht als solche aufzufassen und 
anzuerkennen, wenn er nicht in eigener und freier Tat die ge- 
gebenen Inhalte mit dem „Urbild“ der Ordnung und Einstimmig- 
keit zusammenhielte, das er in sich selbst trägt.®) Die echten 
‚Archetypen“, die „Paradigmata“ des Schönen und des Wahren 
empfangen ihr Sein erst von der Seele. Ihnen eine substantielle 
Wesenheit ausserhalb des Bewusstseins zuzuschreiben, ist ein 
innerer logischer Widerspruch: „extra animam archetypos illos 
constituere est oppositum in adjecto“.%) Das ist das Charakte- 
ristische, dass Kepler, wenn er an Platon anknüpft, zugleich den 
Gedanken der Immanenz der Idee in den Mittelpunkt stellt 
und dass er daher die Darstellung, die Aristoteles von der 
Genesis der Platonischen Philosophie und von der Lehre der 
Wiedererinnerung gibt, ausdrücklich bekämpft. Er schliesst sich 
hierin eng an Proklus an, dessen Entwicklung der Ideenlehre 
ar eingehend und mit ausführlichem Kommentar verfolgt. Be- 
zeichnend für die Richtung seines mathematischen Interesses 
and seines mathematischen Genies ist es hierbei, dass er nicht 
von der Zahl, sondern vom Raume, nicht von der Grösse über- 
haupt, sondern von der geometrischen Gestalt ausgeht. Den 
abstrakten Allgemeinbegriff der Zahl gibt er der nominalistischen 
Kritik ausdrücklich preis: die Beziehungen zwischen den blossen 
Zahlen haben für sich selbst und losgelöst keinen Erkenntniswert, 
sondern erhalten ihre Bedeutung erst von den gezählten Dingen, 
von den astronomischen Konfigurationen und Bewegungen, zu 
deren Darstellung sie verwendet werden. Erst in der stetigen 
Grösse und ihrer qualitativen Eigenart gewinnen wir ein reines 
Beispiel einer freien und ursprünglichen Schöpfung des Denkens 
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