Die Theorie der Wahrnehmung.
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denen Inhalten empfinden, aus diesen materialen Voraussetzungen
nicht verständlich zu machen. Was die Sinne uns darbieten,
bleibt eine wirre chaotische Masse beziehungsloser Eindrücke:
Einheit und Zusammenhang entstehen erst in der Auffassung
and Beurteilung durch den Intellekt, der diese Prädikate von
sich aus auf die Gegenstände überträgt. Man wende nicht ein,
dass die Seele im Akte der Vergleichung die Proportion
zwischen den Inhalten nur vorfinde, nicht erschaffe; — dass
sie also kein notwendiger und unerlässlicher Faktor für die Ent-
stehung und den Gehalt der Harmonie sei. Der Geist vermöchte
die harmonischen Verhältnisse nicht als solche aufzufassen und
anzuerkennen, wenn er nicht in eigener und freier Tat die ge-
gebenen Inhalte mit dem „Urbild“ der Ordnung und Einstimmig-
keit zusammenhielte, das er in sich selbst trägt.®) Die echten
‚Archetypen“, die „Paradigmata“ des Schönen und des Wahren
empfangen ihr Sein erst von der Seele. Ihnen eine substantielle
Wesenheit ausserhalb des Bewusstseins zuzuschreiben, ist ein
innerer logischer Widerspruch: „extra animam archetypos illos
constituere est oppositum in adjecto“.%) Das ist das Charakte-
ristische, dass Kepler, wenn er an Platon anknüpft, zugleich den
Gedanken der Immanenz der Idee in den Mittelpunkt stellt
und dass er daher die Darstellung, die Aristoteles von der
Genesis der Platonischen Philosophie und von der Lehre der
Wiedererinnerung gibt, ausdrücklich bekämpft. Er schliesst sich
hierin eng an Proklus an, dessen Entwicklung der Ideenlehre
ar eingehend und mit ausführlichem Kommentar verfolgt. Be-
zeichnend für die Richtung seines mathematischen Interesses
and seines mathematischen Genies ist es hierbei, dass er nicht
von der Zahl, sondern vom Raume, nicht von der Grösse über-
haupt, sondern von der geometrischen Gestalt ausgeht. Den
abstrakten Allgemeinbegriff der Zahl gibt er der nominalistischen
Kritik ausdrücklich preis: die Beziehungen zwischen den blossen
Zahlen haben für sich selbst und losgelöst keinen Erkenntniswert,
sondern erhalten ihre Bedeutung erst von den gezählten Dingen,
von den astronomischen Konfigurationen und Bewegungen, zu
deren Darstellung sie verwendet werden. Erst in der stetigen
Grösse und ihrer qualitativen Eigenart gewinnen wir ein reines
Beispiel einer freien und ursprünglichen Schöpfung des Denkens
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