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Dritter Teil. Industrie.
28 Gesellschaften, die Juteverarbeitung mit 134 Millionen Mark (20 Gesellschaften)
und die Leinenspinnerei und --Weberei nrit 68 Millionen Mark (22 Gesellschaften). —
In der Mitte des 19. Jahrhunderts trat in den Standorten der mechanischen
Spinnerei und Weberei eine Verschiebung ein. Damals begann in den Städten der
Arbeitslohn zu steigen; die Industrien sahen sich dadurch, daß bei ihnen die Produttions
kosten hauptsächlich in dem Arbeitslohn bestehen, veranlaßt, in der Provinz billigere
Arbeitskräfte zu suchen. An ihrer Stelle entwickelten sich in der Großstadt diejenigen
Industriezweige, wie z. B. die Konfettion, bei denen es auf Geschmack und Muster
ankommt.
7. Die chemische Industrie.
Von F. C. Äuber.
Huber, Deutschland als Industriestaat. Stuttgart, I. G. Lotta Nachfolger, IM.
5. 3TO—57H.
Die chemische Industrie, deren Produttion heute einen Wert von einer Milliarde
Mark darstellt, ist eine Schöpfung der neuesten Zeit. Ihre Anfänge weisen zurück
auf die Erzeugung der Pottasche aus Lolzasche für die Glasfabrikation, auf die
Gewinnung des Salpeters für die Schießpulverfabrikation, solvie auf die Darstellung
einiger Mineralfarben, die von den Glasmachern und Töpfern nach uralten, umständlichen
Rezepten zubereitet wurderr. Eine neue Zeit brach, wie für alle Naturwissenschaften,
so auch für die Chemie zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Die damals aufkommende
Baumwollweberci und die daran sich anlehnende Färberei und Zeugdruckerei traten
mit einem bisher ungeahnten Massenbedarf auf. Auch in anderen Gewerben, wie in
der Seifen- und Glasfabrikation, sowie in der Keramik stellte sich das Bedürfnis ein,
rationelle Bearbeitungsmethoden zu erlangen und auf dem Wege des Großbezuges die
zur Fabrikation benötigten Substanzen und Produkte, wie Pottasche, Alaun, Salpeter,
Schwefelsäure, einzukaufen, die bis dahin noch nicht im Lande! vorkamen.
In der ersten Lälfte des 19. Jahrhunderts fabrizierte man in Deutschland,
anfänglich in Anlehnung an die (alten) Apothekenbetriebe, lediglich Alaun und Vitriole
(Eisen-, Kupfer- und gemischte Vitriole), Vitriolöl, Salzsäure und Salpetersäure,
Schwefel, zum Teil auch Phosphor, vereinzelt Ammoniaksalze. Diese Fabrikations
zweige wurden in einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Betriebsstätten und in
einem vielfach auch nur mäßigen Amfang ausgeübt.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich in England und Frankreich die
chemische Großindustrie schon viel mächtiger entwickelt, da dort die als Konsumenten
für chemische Produtte besonders in Betracht kommenden Industriezweige vorangeeilt
waren. Außerdem gab in Frankreich die Fabrikation feinerer Qualitätsseifen und
Parfümerien mannigfache Anregung.
Damals kam die Verwertung pflanzlicher Alkaloide zu Heilmitteln auf, z. B.
1817—20 die von Morphium, Strychnin, Chinin, von Nikotin 1828, von Atropin
1833. In der Folge bemächtigte sich namentlich Deutschland der Massenfabrikation
dieser Artikel; für die von Chinin wurde Deutschland zum Lauptsih; ebenso für die
künstliche Darstellung des Altramarinstoffes, die in den zwanziger Jahren emporblühte.
Als erster Zweig der neu erschlossenen chemischen Technik entwickelte sich die
Darstell,mg der starken Mineralsäuren und Alkalisalze. Dies sind die unentbehrlichen
Betriebsmittel der Chemie, die in reichem Maße zur Verfügung stehen müssen, wenn
irgendwelche chemische Arbeit verrichtet werden soll. Es ist daher kein Wunder, daß
gerade diese Industrie der Säuren und Alkalien am schnellsten einen großen Amfang