Object: Die deutsche Wirtschaft

58 Prof. Dr. E. Horneffer: 
und in dem Wesen eines anderen Menschen fühlen und leben zu 
können, Sie sind zu nüchtern, zu eingeschränkt, Dies ist der wahre 
Grund, weshalb es beispielsweise so sehr wenig glückliche Ehen gibt. 
Die beiden Geschlechter sind in tiefster Tiefe verschieden, und wenn 
der erste Rausch der Leidenschaft verflogen ist, können sich die Ver- 
treter der beiden Geschlechter, die aneinandergekettet sind, nicht 
mehr verstehen, können sich schlechterdings nicht in die Empfindungs- 
weise und die Bedürfnisse des andern hineinversetzen, Und dann gähnt 
der Abgrund des Mißverständnisses zwischen ihnen. Deshalb zerfallen 
fast alle Freundschaften, Das Leben verwandelt die Menschen, und 
wenn die besten Freunde nach langen Jahren sich wiederfinden und 
sich nicht nur flüchtig begegnen — in diesem Falle wird die Ent- 
fremdung nicht empfunden — sondern wenn sie dann wieder dauernd 
miteinander leben sollen, dann können sie den seelischen Einklang 
nicht mehr zurückgewinnen, sie sind einander urfremd geworden. Un- 
erhört schwierig ist das psychologische Verständnis der verschiedenen 
Völker untereinander, Zeitungen fliegen herüber und hinüber, persön- 
liche Begegnungen finden fortgesetzt statt, die Parlamente, die leitenden 
Staatsmänner sprechen ihre Gedanken und Absichten aus, die ganze 
Literatur, das Geistesleben der Völker liegt ausgebreitet da und offen- 
bart den innersten Gehalt der. Völker. Und doch verstehen sie einander 
nicht im geringsten, jedes kleinste Wort wird zu Irrtum und Miß- 
verständnis. Wenn wir Deutsche nur ein klein wenig mehr Psychologie 
besessen hätten, wer weiß, ob wir nicht den ganzen Weltkrieg hätten 
vermeiden können, Völker recht behandeln ist eine unsäglich seltene, 
feine Kunst, 
Doch endlich komme ich zu unserer Sache, Am allerschwierigsten 
erscheint das Verständnis der sozialen Schichten untereinander inner- 
halb eines Volkes, zumal wenn sich neue Schichtungen und Um- 
schichtungen in dem Aufbau eines Volkes vollziehen. Die Menschen 
können jahraus jahrein, tagaus tagein miteinander leben und arbeiten, 
können sich täglich sprechen, daß man meinen müßte, und daß sie vor 
allem selbst meinen, sie kennen einander, sie kennen sich gegenseitig 
bis in ihre innersten Regungen, Im Gegenteil, So nahe sie räumlich 
einander sind, geistig, seelisch wissen sie voneinander nichts, Sie sind 
einander seelenlose Marionetten, die auf- und abwandeln, deren 
Gebärden sie nur schauen, deren innere Triebkräfte ihnen aber 
völlig verborgen bleiben. Wie in einer verunglückten Ehe leben sie 
nebeneinander her, ohne auch nur einen Hauch der Seele von der 
andern Seite herüberwehen zu spüren. Es ist der größte Irrtum der 
meisten wirtschaftlichen Praktiker, keineswegs aller, aber sehr vieler, 
der Leiter der großen Werke, der Generaldirektoren und in Sonderheit 
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