Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

d. h. jenes Voraussagen der wirtschaftlichen 
Zukunft, das auf gar keiner soliden Grund: 
lage beruht; die zweite die Traumprophe- 
zeiung, die uns hier nichts angeht, obgleich 
sie in der wirtschaftlichen Welt eine nicht 
ganz unerhebliche Rolle spielt; die dritte 
die Methode des Aberglaubens, wie sie etwa 
veim italienischen Lottospiel und in großen 
Massenbewegungen zum Ausdruck kommt. 
Im Gegensatz dazu dann die beiden Metho- 
den, die uns hier allein interessieren: nämlich 
viertens die Berechnung und fünftens die 
Intuition, die „Eingebung“. Letztere hat 
eine besonders große Bedeutung. 
Die wichtigsten Grundkräfte dieser bei: 
den Methoden bestehen einmal in einer 
außerordentlichen Weite des Blickfeldes, 
dann in einem ungewöhnlichen Gedächtnis, 
ferner in einer Assoziationsgabe, die eine 
unendliche Fülle von Tatsachen verknüpft 
und Verbindungen zwischen ihnen herstellt, 
wo man deren bisher noch gar keine gesehen 
hatte, dann in dem bereits betonten psycho- 
logischen Scharfblick, der wenigen Menschen 
nur gegeben ist, ferner in einer konstruk- 
tiven, schöpferischen Phantasie und endlich 
in einer analytisch;synthetischen Gabe, die 
sich von den zufälligen Erscheinungsformen 
der Gegenwart loszulösen weiß. Ich würde 
gern namentlich über die konstruktive 
schöpferische Phantasie und über diese 
analytisch:synthetische Gabe, nähere Aus- 
führungen machen. Allein ich muß mich 
notgedrungen auf die letztere beschränken. 
Alles gewöhnliche Prophezeien, das 
eben deshalb die zukünftige Entwicklung 
häufig nicht voraussieht, nimmt die Erschei- 
nungsformen der Gegenwart zum Ausgangs- 
punkt, vergrößert sie mechanisch, weil es 
von der Zukunft eine höhere Entwicklung 
erhofft oder verlangt, und glaubt, durch ein 
solches vergrößerndes Projizieren in die 
kommende Zeit hinein alles Notwendige ge: 
tan zu haben. Das ist gleichsam eine Prophe- 
zeiungsmethode der Vergrößerungslinse. Als 
typisch dafür möchte ich das Prophezeien 
nennen, wie es heute in den Vereinigten 
Staaten üblich ist. Dort spitzt sich alles auf 
die Vergrößerung des Bestehenden zu. Man 
sieht die Zukunft als riesenhaftes Abbild 
der Gegenwart. Diese gänzlich phantasielose 
Ausweitung. des Vorhandenen berauscht sich 
dann an Riesenziffern, die man für das 
Wachstum der Bevölkerung, die Steigerung 
der Produktion, für alles Wirtschaftliche 
überhaupt voraussagt. Hingegen sieht diese 
Prophezeiungsmethode nichts oder fast 
nichts von den innerlich wirkenden Kräften, 
SO daß sie beispielsweise in bezug auf die 
3Zevölkerungsbewegung die Einzelfaktoren 
zar nicht in Rechnung stellt, aus denen sich 
liese zusammensetzt. Vor allem werden die 
»sychologischen Faktoren übersehen — d.h. 
nit dieser Vergrößerungsmethode läßt sich 
ıur daneben prophezeien. Das planmäßige 
Vorausberechnen der Zukunft erfordert 
vielmehr ein sehr sorgfältiges Abwägen der 
'einsten Bewegungen, namentlich auch der 
seelischen Veränderungen. 
Ich glaube, allen Ernstes behaupten zu 
lürfen, daß sich eine Methodik des 
wirtschaftlichen Prophezeiens 
ausbilden ließe. Wir stehen freilich 
ıoch am allerersten Anfange einer solchen 
Wöglichkeit. Aber vorbereiten lassen sich 
wirtschaftliche Voraussagen doch wohl: ein: 
nal dadurch, daß man zu größter Wissens: 
nenge und Vielseitigkeit zu gelangen sucht, 
ım durch die Weite des Blickes sowie durch 
lie Menge der in das Gedächtnis aufge- 
ı1ommenen und gedanklich verarbeiteten 
Tatsachen Sicherungen gegen falsche Urteile 
ınd Prophezeiungen zu schaffen. Dazu muß 
ich ein instinktsicherer Blick für alle Zu- 
zunftsmöglichkeiten gesellen. Zu der Em: 
jirie steht dieses Verfahren, auch dort, 
Vo es sich mit einem unbändigen Schaffens: 
iIrange vermählt, in scharfem Gegensatz. 
\lles, was der Augenschein lehrt, ist für den 
orwärts stürmenden Gestaltungswillen von 
verhältnismäßig nebensächlicher Bedeutung. 
Zr will ja gerade aus dem engen Käfig 
ı1eraus, in den uns die Sinnesorgane mit ihrer 
3Zeschränktheit einschließen. Die konstruk- 
ive Einbildungskraft betrachtet die Er- 
ahrung nur als das allererste, durchaus un- 
‚ureichende Tatsachenmaterial, als einen 
Rohstoff, der der Veredelung nicht nur 
ähig, sondern in höchstem Maße bedürf- 
ig ist. 
Eine Studien: und Gedankenarbeit ge- 
valtigster Art muß geleistet werden, wenn 
nan zu wirtschaftlichen Prophezeiungen ge- 
angen will, wie das Friedrich List oder 
‚orenz von Stein oder auch der Freiherr von 
);tein getan hat. Denn diese drei Männer — 
rielleicht die besten Propheten, die Deutsch- 
and bisher hervorbrachte — haben sich die 
srundlage ihrer die Welt umspannenden 
Senntnisse durch die eifrigsten Studien da- 
ıeim und in der Fremde erworben. Es ist 
zein Zufall, daß sie so gute Auslandskenner 
varen. Auslandskunde oder Weltwirtschafts- 
zunde, wie wir heute sagen sollten, ist un: 
jedingt erforderlich, will man zu brauch: 
jaren wirtschaftlichen Prophezeiungen ge- 
angen.
	        
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