Ferner ist wichtig eine Analyse früherer
wirtschaftlicher Voraussagen. Wir haben
leider noch kein Buch über die Geschichte
der politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Prophezeiungen. Aber wir brauchen es, um
zu lernen, wie richtige Prophezeiungen zu:
stande gekommen sind. Wir brauchen es
ferner, um zu lernen, weshalb die falschen
Prophezeiungen daneben griffen, damit
wir die entsprechenden Fehler vermeiden
können.
Zu alledem aber, meine sehr verehrten
Herren, muß sich nun noch eine schon kurz
berührte Kraft gesellen. Zu dem Erkennen
der wirtschaftlichen Zukunftsmöglichkeiten
muß der Wille und die Kraft des Gestal-
tens treten. Wirtschaftliche Voraussagen
bleiben nutzlos ohne die tatkräftige
geniale Persönlichkeit, nennen
wir sie nun Organisator oder Wirtschafts-
führer. Das ist wiederum das Bewunderns-
werte an Friedrich List, daß er alle Dinge,
die er erdachte, nicht nur aus rein theore-
tischem Interesse zusammenfügte, sondern
daß er immer die praktische Folge-
rung daraus zog, daß er daran im Inter-
esse des deutschen Volkes unmittelbar eine
große Bewegulg zu knüpfen suchte, um auf
das Ziel hinzustreben, das er als richtig er-
kannt hatte und das ohne Willenskraft un:
möglich zu erreichen war.
Oft hat ein einziger Gedanke einer
ganzen Zeit eine andere Gestalt gegeben.
Die emporreißende Kraft einer genialen
Schöpfertat hat mehr als einmal das An-
gesicht der Welt verändert. Nicht, als ob
jede glückliche neue Idee sofort begeisterte
Aufnahme gefunden hätte. Im Gegenteil!
Auch dem neue Wege bahnenden Tech;
niker und Volkswirtschaftler haben die
Zeitgenossen oft genug die Dornenkrone ge:
Hochten. Wer technisch oder sozialwirt-
schaftlich einen Gedanken vertritt, der
noch nie verkörpert wurde, muß es sich
gefallen lassen, daß die große Menge seine
Luftschlösser verlacht, wie es dem Grafen
Zeppelin ergangen ist, daß ihn die Fach:
genossen verketzern oder als hoffnungs-
losen Dilettanten bemitleiden. Doch was
wäre die Welt ohne die vorwärtsstrebenden
Pioniere, die ganz Neues am Horizont
sehen, was es bisher nicht gegeben hat, die
sich mit der unbedingten Sicherheit genialer
Schaffenskraft durch kein Hohngelächter
von dem Ziel abschrecken lassen, das ihr
Geist prophetisch erschaut und das ihre
Willenskraft ihnen als erreichbar vor das
Auge stellt!
Schöpferisch:konstruktiv kann die Phan:-
tasie nur sein, wenn sie sich von den ge:
wohnten Bahnen loslöst. Vor allem darf
sie kein „Bis hierher und nicht weiter“
kennen. Vielmehr reizt sie gerade dies:
atwas zu unternehmen, wovor andere die
Arme mutlos sinken lassen. Der gewaltige
Schöpferwille, der sie durchpulst, treibt sie
szinem hohen Ziele entgegen. Die kon:
struktive Phantasie kann sich nur in dem
Geiste willensstarker Persönlichkeiten be:
tätigen, denen eine Schöpferkraft inne-
wohnt, die sie aus den gewohnten Bahnen
>mporreißt. Durch alle Kulturgebiete und
Lebensformen geht der Gegensatz zwischen
Tradition und Schöpferkraft. Was die Be-
juemlichkeit verabscheut und wovor die
Neuerungsfurcht zurückschreckt, eben das
reizt diesen Gestaltungswillen.
Wir Deutschen aber, meine sehr ver-
2hrten Herrn, brauchen heute mehr als
ırgendein anderes Volk der Welt Männer
aöchster Begabung, die mit sicherem Blick
lie Zukunft erschauen und gestalten,
Männer mit tiefen volks: und weltwirt-
schaftlichen Kenntnissen, mit beschwingter
konstruktiver Phantasie, mit _eiserner
Willenskraft und mit einem sittlichen
(dealismus, der sich durch nichts von dem
als richtig erkannten Ziele abbringen läßt.
Nur sie können uns davor bewahren, durch
falsche Einschätzung wirtschaftlicher,
sozialer oder politischer Triebkräfte im In-
oder Auslande Fehler zu begehen, die uns
verderblich werden müssen. Nur sie können
uns als Nation einer glücklicheren Zukunft
entgegenführen, auf die wir alle als auf das
Höchste, was uns das Leben bieten kann,
inbrünstig hoffen. (Lebhafter Beifall.)
Herr Geheimrat Prof. Dr. Wagemann,
Präsident des Statistischen Reichsamts:
Meine Herren! Ich habe den inter;
sssanten Ausführungen des Herrn Vor-
‚edners nur einige Randbemerkungen hinzu-
zufügen. Ich halte es für sehr verdienst-
lich, daß er versucht, verschiedene Begriffe
sinzuführen für die Fähigkeit des Menschen,
in die Zukunft zu sehen. Diese Fähigkeit
hat mit dem „Zweiten Gesicht‘ nichts zu
un. Sie ist nicht die Funktion eines inneren
der äußeren Sinnes und doch begleitet Sie
als Denkfunktion dauernd unser praktisches
Handeln. Dementsprechend hat unsere
Sprache für sie zahlreiche Ausdrücke: Vor:
ıussicht. Vorausberechnung, Vorsorge, Vor: