Dr. AUGUST WEBER:
WELCHE BEDEUTUNG HAT DIE DEUTSCHE LANDWIRT-
SCHAFT INNERHALB UNSERER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT?
Meine sehr geehrten Herren! Aus dem
sehr interessanten Gebiete der Prophezeiung
und der Prognose muß ich Sie nun auf das
Gebiet der realen Wirklichkeit hinunter:
führen und mich mit Ihnen über Fragen
unterhalten, die uns in der Industrie ebenso
berühren wie den benachbarten Berufsstand
der Landwirtschaft. Ich beabsichtige, mich
in diesem Kreise nicht allein mit der Frage
der Bedeutung der Landwirtschaft zu be:
schäftigen, sondern auch damit, wie man
dieser Bedeutung der Landwirtschaft in ihr
selbst und in anderen Gewerben und Pro-
duktionskreisen Rechnung zu tragen vermag
und ob und in welcher Weise die Industrie
mit oder in Harmonie mit der Landwirt:
schaft oder im Gegensatz zu ihr die künftige
Handelsvertrags- und Zollpolitik zu be:
handeln hat.
Daß die deutsche Landwirtschaft, dieser
wichtige Produktionsstand, sich in außer:
ordentlicher Not befindet, ist uns allen klar,
das bedarf keines Nachweises. Ich möchte
aber an dem Beginn meiner Betrachtungen
zunächst einmal der Ansicht Ausdruck ver-
leihen, daß man diese wirtschaftlichen
Fragen, insbesondere die landwirtschaft-
lichen, in der Öffentlichkeit etwas mehr als
es bisher geschehen ist, von parteipolitischer
Einstellung loslösen sollte (sehr richtig!),
daß‘ man diesen Dingen rein vom Stand-
punkte praktischer Erwägungen aus näher
zu treten hat. (Sehr richtig!) Ich möchte
dabei auch hervorheben — ich darf das in
diesem Kreise tun, ohne mir von der anderen
Seite zu starke Kritik zuzuziehen —, daß
ich der Meinung bin, daß die Spitzenorgani-
sation. der Landwirtschaft, der Landbund,
sich auch mehr als seither mit diesen Dingen
in geschäftlichem Sinne befassen sollte, an:
statt in rein politischem. (Sehr richtig!) Ich
führe auf diese Einstellung des Landbundes,
meine Herren von der Industrie, einen
großen Teil der Animosität der Öffentlich:
keit gegenüber landwirtschaftlichen Fragen
zurück; sie ist nach meinem Empfinden
nicht die richtige... Ich hebe das ausdrück-;
lich in diesem Kreise hervor, weil ich an
anderen Stellen häufig die Erfahrung mache,
daß rein praktische Fragen im Kampfe der
politischen Parteien ganz falsch deshalb
aufgefaßt werden, weil sie von interessierter
Seite nicht geschäftlich, sondern agitatorisch
dargestellt werden.
Wir wissen in der Industrie, daß wir in
der deutschen Landwirtschaft insgesamt
‚eichlich 5 Millionen landwirtschaftlicher
Betriebe in Deutschland haben, von denen
— ich nenne nur runde Summen — etwa
‚8 000 Betriebe eine Fläche von über 100 ha,
las heißt 400 Morgen, haben und daß wir
ın wirklichen Großbetrieben, also an Bez
rieben von über 800 Morgen — und von
lenen kann man eine große Zahl z. B. in
ler Sandbüchse der Mark Brandenburg
ıoch nicht als Großbetriebe ansprechen, in
ınderen dürftigen Gegenden auch nicht —,
nsgesamt noch nicht einmal 10000 in
Jeutschland haben. Es besteht hierüber in
ler Öffentlichkeit oft eine falsche Ansicht,
ınd die Auffassung, als ob dieser Groß-
;rundbesitz der ausschlaggebende Bestand:
eil der Landwirtschaft in Deutschland sei,
st eine irrige. Die wesentliche Kraft und
acht unseres landwirtschaftlichen Besitz-
ums beruht auf der einen Million von
Ȋuerlichen Betrieben, die 40, 50 hinauf bis
‚u 400 Morgen ihr eigen nennen. Diese Be-
riebe, meine verehrten Anwesenden, sind
ıach meiner Meinung in ihrer Bewirt-
schaftung zum Teil noch etwas rückständig,
sum anderen Teil noch nicht so organisiert,
wie sie organisiert sein könnten.
Die Industrie hat bei uns in Deutsch:
and selbstverständlich in vollem Umfange
lie Bedeutung der deutschen Landwirtschaft
ür ihren eigenen Markt .erkannt. Wir
wissen alle in der Industrie, daß für uns
ine kaufkräftige Landwirtschaft von ganz
jesonderer Bedeutung ist. Wenn wir auf
3rund von Schätzungen nicht zu Unrecht
ınnehmen, daß in der deutschen Landwirt:
schaft an totem Inventar, an Maschinen, an
Wagen usw. insgesamt 15 Milliarden in
30old investiert sind. und wir: nach unseren
ınd in der Landwirtschaft genau so maß:
seblichen Grundsätzen ‚mit einem 10 pro:
‚entigen Verbrauch rechnen, :so ist allein
ler: Bedarf der Landwirtschaft an diesen