Full text: Wirtschaftspolitische Tagesfragen

Sprechen, denn ich bin selbst im Nebenamt 
auch Landwirt, habe eine Domäne von 
tausend Morgen gepachtet und weiß seit 
langen Jahren am eigenen Leibe, wie es aus 
Schaut. Ich sage, daß ich manchmal nicht 
in der Lage bin, trotz meiner Beziehungen, 
die ich auf anderen Gebieten habe, ein 
Schwein zu verkaufen, weil kein Käufer da 
ist, oder 100 oder 300 Zentner Roggen 
irgendwo unterzubringen, weil es keine Auf- 
nahmeorganisation gibt. Ich habe 300 Zentner 
Roggen 10 Tage lang angeboten, sogar vor: 
geschlagen, einer Berliner Mühle mit Last- 
auto vor das Haus zu fahren. Ich habe sie 
dem Handel angeboten. Es war keine Auf: 
nahmeorganisation da, da man ja mit 
solchen Dingen bekanntlich nicht an der 
Börse handeln kann. Deshalb sage ich aus 
eigener Erfahrung, daß die landwirtschaft- 
lichen Organisationen im argen liegen. 
Ich darf Ihnen als besserem Kenner der 
Verhältnisse auch noch einmal folgendes 
sagen: Mannheim braucht jeden Tag 70000 
Liter Milch. Zur Lieferung dieser 70000 
Liter sind dort unten infolge der dortigen 
Produktionsverhältnisse 22000 Produzenten 
notwendig: Lieferung also 3 Liter durch: 
schnittlich pro Produzent. Das ist keine 
rationelle Wirtschaft. Dabei kann die Milch- 
produktion nicht existieren; dazu sind die 
Zwischenkosten des Hinbringens an’ den 
Konsumenten viel zu groß. Und wenn der 
Herr Präsident ganz mit Recht sagte, daß 
Neuorganisation lange dauern werde, so 
weiß ich, da ich selbst Oldenburger bin, von 
Geburt an diese Dinge kenne und Brüder in 
der Verwaltung dort tätig gehabt habe, auch 
in leitenden Stellen als beamtete Minister, 
wie langsam es geht. Die Oldenburger sind 
auf diesem Gebiete trotzdem wesentlich 
weiter als andere Bezirke. Aber auch hier, 
Herr Dr. Goldschmidt, kann der Staat 
helfen durch Unterstützung einer genossen; 
schaftlichen Gesetzgebung. (Sehr richtig!) 
Darin liegt auch in Deutschland und in 
Preußen vieles im argen. Sie werden ja die 
Arbeitslosenverhältnisse nicht leicht bei uns 
ändern. Aber auch dazu möchte ich etwas 
sagen. 
Wenn einer der Herren sich einmal den 
Tarif der landwirtschaftlichen Arbeiter mit 
den Arbeitgebern ansehen würde, dann 
würde er mein Bestreben unterstützen, das 
dahin geht, diesen Tarif zu ändern, denn der 
Barlohn ist ein entsetzlich niedriger. Der 
Tarifbarlohn beträgt heute 14 Pfg. Das Ge- 
samteinkommen des ländlichen Arbeiters 
ist verhältnismäßig höher als das des 
Stadtarbeiters — verhältnismäßig! Ein Ar- 
beiter bekommt aber neben dem Barlohn 
’, Morgen Land, das ihm wohl 75 Zentner 
Kartoffeln bringt, weil der Landwirt ver; 
pflichtet ist, es dem Arbeiter zu bestellen, 
den Mist hinaufzufahren, zu pflügen usw. 
— das muß der Gutsbesitzer tun — er be: 
<ommt neben diesen 74 oder 75 Zentner, 
lie er erntet, nach dem Tarif 84 Zentner 
Kartoffeln in natura, 24 Zentner Roggen, 
/ Ztr. Gerste, jeden Tag seinen Liter Milch, 
hat zwei Schweine, hat noch ein Gartenland 
ınd eine Kuh. Diese Naturalien sind zu 
sroß; sie müssen zugunsten des Barlohns 
>rmäßigt werden. Das ist eine Aufgabe, die 
lie Landwirtschaft hat. Wenn Sie nach dem 
sten gehen, so kommen Sie bis auf Bar- 
‚öhne von 10*/, Pfg. hinunter. Das ist für 
zinen landwirtschaftlichen Arbeiter, der mit 
überflüssigen Naturalien nicht umzugehen 
vermag, keine Ratio. Er kann seine Kar- 
offeln nicht verkaufen, denn der große 
‚andwirt kann sie schon oft nicht verkaufen. 
Nenn die Frau mitarbeitet, bekommt sie 
ıuch noch Naturalien. Was soll dieser Mann 
nit 150 Zentner bis 175 Zentner Kartoffeln 
nachen? Das ist ein Unglück für den Men- 
‚schen. Die Hälfte muß ihm verfaulen, weil 
;r die Mieten gar nicht so machen kann, wie 
3s sein muß, besonders wenn die Kartoffeln, 
wie in den letzten beiden Jahren sehr 
wasserhaltig sind. Ich bin der Meinung, daß 
nan als Wirtschaftsführer, wenn es auch 
lem anderen Stande oder dem einzelnen 
Jenossen unangenehm ist, ruhig und offen 
sagen soll, wie man denkt, wenn es auch 
;twas einseitig klingt; es ist gar nicht ein; 
jeitig von mir gemeint. Ich weiß wohl, daß 
lie Steuerfragen wichtig sind. Aber sehen 
Sie sich doch auch das einmal an! Der 
Staat hat Steuergesetze gemacht. Steuern 
nüssen gezahlt werden. Der Großgrund- 
jesitz oder sagen wir 25000 Betriebe in 
Jeutschland führen Bücher. Aber 5 Millio- 
ıen Landwirte führen kein Buch. ‘Nun 
zommt der Steuerschätzer und schätzt nach 
lem Durchschnittsertrag und sagt: dort 
oringt im Durchschnitt der Morgen so und 
30 viel. Dann muß der Bauer Steuern zahlen, 
üb er etwas verdient hat oder nicht ver; 
lient hat, weil er keine Bücher führt, weil 
»;r den Nachweis nicht führen kann; und 
ılle Versuche, die Bauern zu veranlassen, 
3ücher zu führen, was die Steuerbehörde 
icher konzedieren würde in Form eines 
Oktavheftes, in das nur die Ausgaben und 
Jinnahmen hineinzuschreiben sind, sind ge- 
scheitert. Ich darf hier aussprechen, das 
sind sehr wichtige Fragen, an ihnen hängen
	        
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