300 Zehntes Buch. Erstes LKapitel.
nach, nicht jedoch in seinem nationalen Wesen Deutschland ver—
loren ging. Der Zug nach Osten aber mußte um so aus
gesprochener werden, als die Führung des neuen deutschen
Reiches bald an den Sachsenstamm und sein Liudolfingisches
Herrscherhaus überging. Die Ottonen haben eine gewaltige
slawische Eroberungs⸗ und Kultivationspolitik getrieben, die
schließlich nur an ihren universalistischen Plänen, an dem süd⸗
lichen Vordringen ihrer Politik bis nach Unteritalien scheiterte.
Die Höhepunkte deutscher Kultur aber wurden in ottonischer
Zeit und noch mehr in dem Jahrhundert der fränkischen Kaiser
von den Gegenden zwischen Maas und Rhein an den Rhein
selbst und noch weiter östlich verlegt. Die westliche Grenze des
Reiches bildete nun die Maas und der Unterlauf der Schelde,
am Rhein aber erblühten Mainz und Köln, Worms und Straß
burg jetzt zu den bedeutendsten Städten des Reiches, und die
Harzstädte im Norden wie Regensburg und Augsburg im Süden
wiesen noch über den Rhein hinaus im Sinne der eingeschlagenen
östlichen Richtung.
Völlig entschieden ward diese Richtung aber erst in den
Kolonisationsvorgängen des 12. bis 14. Jahrhunderts, mit jener
Großthat unserer Nation, der fast Dreifünftel des heutigen
deutschen Landes als deutscher Besitz erst verdankt werden. Da
wanderten deutsche Bauern und Bürger, deutsche Kleriker und
Ritter unter dem Schutze der neubegründeten Territorialgewalten
hinaus über die Elbe: wiederum begrüßten sie die Ostsee als
deutsches Meer, von neuem tränkten sie ihre Rosse, gleich den
Urahnen vor mehr als dreißig Generationen, in den trüben
Fluten der Weichsel. Den längst verwischten Spuren Marbods
zogen sie nach gen Böhmen und Schlesien, die Donau hinab
drangen sie in friedlicher Eroberung mit Spaten und Pflug bis
zu den sagenhaften Awarenringen, die Karls Heere in flüchtigem
Feldzug zerstört, ja drüber hinaus zu dauernder Niederlassung
bis in die Donaufeste der abendländischen Welt, nach Sieben
bürgen.
Es waren die Wonnetage nationalen Lebens im Mittel—
alter. Kräfte, in langer wirtschaftlicher wie geistiger Arbeit