272 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichterschule zog, wurde er vollends zum Totengräber des
Dramas der Opitzischen Renaissance.
Die dramatischen Instinkte der Nation blieben damit sich
lange Zeit selbst überlassen: und sie fanden ihre Nahrung nun
einerseits in einer immer furchtbareren Entstellung des
Renaissancedramas ins Manieriert-Schauervolle und Langweilig⸗
Allegorische und zum andern, mit unter englischem Einflusse,
in der Weiterbildung der alten Posse zu jenen Hanswurstiaden
und Zotenstücken, gegen die besonders sich später die Entrüstung
Gottscheds gewandt hat.
IV.
1. Die obersten entwicklungsgeschichtlich schöpferischen
Formen der deutschen Dichtung der Zeit, Satire und Drama,
waren unter den Einwirkungen der Renaissancepoetik nicht ge⸗
diehen; nicht minder war durch sie das Volkslied, wie sich
später herausstellen wird, im Begriffe, geschädigt zu werden.
Hatte nun wenigstens die Form im niederen Sinne, auf deren
Besserung die Poetik vor allem ausgegangen war, erklecklich
gewonnen?
Auch diese Frage, so allgemein gestellt, muß verneint
werden. Gewiß waren feste Grundlagen für Rhythmik und
Metrik gefunden worden, wenn auch ihr Ausbau von wenig
Erfindungsgabe zeugte. Auch hatte sich im allgemeinen der
Sinn für Harmonie und Gleichgewicht, für literarische und
poetische Ordnung gemehrt. Aber daneben trat, trotz aller
Gegenbestrebungen Opitzens selbst wie seiner Anhänger und
Nachfolger und nicht zum geringsten doch als eine Folge—⸗
erscheinung der Renaissance, der humanistischen des 16. Jahr⸗
hunderts wie der poetischen des 17. Jahrhunderts, ein tiefer
Verfall der Sprache ein.
Verhängnisvoll war hier vor allem, daß den Bestrebungen
der Poetik nicht gleich regsam und erfolgreich grammatische Be—
strebungen parallel liefen. Hatte die Humanistenzeit noch keine
deutsche Grammatik von wissenschaftlicher Bedeutung gekannt,