Aufklärung und Pietismus.
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nach London, um neueste Weisheit zu hören. In diesem Zu—
sammenhang wurde der englische Deismus nach Frankreich
übertragen, und zwar nicht auf einzelne Köpfe, als Lehre,
als Stimmung auf Varis, auf die Gebildeten des
olkes.
Griffen hier seine Lehren gewaltig um sich, so trug dazu
freilich bei, daß diese in Bayle einen vorbereitenden Denker
von unerbittlicher Schärfe und in Voltaire einen Propheten
von hinreißender Beredsamkeit besaßen. Pierre Bayle hatte
1695 1697 die beiden Bände seines Dictionnaire historique et
critique, des ersten Universallexikons, erscheinen lassen: die
Arbeit eines unendlich belesenen und fleißigen Polyhistors.
Aber nicht aus der reichen Gelehrsamkeit dieses Buches erklärt
fich seine Wirkung. Viel bedeutsamer ist der Geist, in dem
diese vorgetragen wird. Bayle, in jungen Jahren aufs innigste
religiss bewegt und von Konfession zu Konfession schwankend,
vertrat schließlich den Gedanken, daß zwischen Offenbarung und
Vernunfterkenntnis eine unüberbrückbare Kluft gähne. Und zu
diesem Zwecke bewies er die Widervernünftigkeit der Dogmen.
Nun war er selbst zwar trotzdem überzeugter Christ und voll
des tertullianischen Geistes: Oredo quia absurdum. Wie aber
sollte diese Gesinnung die Lösung des Durchschnittes jener Ge—
bildeten werden, für welche die Lehre vom Primat der Vernunft
der Inbegriff des Zeitalters war? Die Widervernünftigkeit der
Doqmen bedeutete ihnen nichts als deren Absurdität.
In diese skeptischen Stimmungen drang nun der englische
Deismus. Und Voltaire verkündete ihn! Voltaire (1694 bis
1778) hatte die Jahre 1726 bis 1729 in halb freiwilliger
Verbannung zu London gelebt; hier sättigte er sich mit den
Gedanken der großen Engländer, Newtons, Lockes, Shaftesburys,
und bildete sie unter mancher Ausscheidung zu dem Ganzen um,
das er trotz späteren Andrängens von Sensualismus und Materia⸗
lismus stets als Kern seines Lebens festgehalten, ja immer mehr
ausgebildet hat, zu einem im tiefsten Grunde, trotz aller Wider⸗
wärtigkeiten seiner persönlichen Beanlagung, doch überzeugungs⸗
treuen religiös-moralischen Deismus.