288 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
derselbe Wille wirkt sich auch in den übrigen Sozialverhältnissen wie
der Familie oder dem Wirtschaftsleben in ähnlicher Weise aus, indem
er eine entsprechende Machtungleichheit und herrschaftliche Verhältnisse
schafft. —
Mit der Machtungleichheit verbindet sich eine Wertungleich-
heit der beteiligten Teilgruppen (genauer gesprochen eine beiderseitige
Überzeugung von einer solchen Wertungleichheit); und zwar bildet die
jeötere die Grundlage für die erstere entsprechend der Tatsache, daß die
Macht in erster Linie innerlich begründet ist. In der genossenschaftlichen
Jrganisation wird in der Grundauffassung jeder Genosse als gleich-
wertig aufgefaßt; die Wertverschiedenheiten, die tatsächlich den ein-
zelnen gemäß ihrer individuellen Verschiedenheit zugeschrieben werden,
erscheinen dabei nur als leichte Modifizierungen einer im ganzen das
Verhältnis bestimmenden Gleichheit. Hier dagegen besteht (der Einfach-
heit halber nehmen wir nur zwei Teilgruppen an) ein schroffer Dua-
lismus von höherwertigen und minderwertigen Menschen in der über-
zinstimmenden Auffassung aller Gruppenmitglieder: die Herren erschei-
nen als die Edlen und Vornehmen, die Angehörigen der Unterschicht als
Wesen von niedriger Art. Die Dichtung aller Zeiten und Völker von
Herodot und Homer an bis Shakespeare und Schiller ist voll von teils
naiven, teils anklagenden Zeugnissen dieser Anschauung‘). Der Sprach-
rebrauch des täglichen Lebens, wie er vor einigen Generationen bei uns
noch in voller Stärke herrschte, weist in die gleiche Richtung: er enthält
sine Fülle von Ausdrücken für die Unterschicht, die von einer ebenso
naiven wie brutalen Geringschägung und Verachtung zeugen. Der Um-
gangston des täglichen Lebens ist in Gestalt des Herrentones von der
gleichen Auffassung beherrscht. Die Grundlage dafür bildet, wie schon
erwähnt, die Überlegenheit der Herrenschicht in anerkannten Werten
im Bereiche der kriegerischen, gewisser biologischer und organisatorischer
Fähigkeiten. Das naive Denken aller Zeiten erblickt in dieser Wert-
verschiedenheit eine ebenso grundlegende wie selbstverständliche und
zeradezu von den Göttern gewollte Tatsache. Infolge dieser Anschauung
pesteht ein ausgesprochenes Bewußtsein der Distanz zwischen
beiden Schichten. Nehmen wir dazu die tatsächliche Kluft in der ganzen
Lebensführung, den Sitten und Überlieferungen, der Lebensauffassung
und Weltanschauung, so leuchtet ein, wie sehr durch diese trennenden
Tatsachen das gegenseitige Verständnis und das Gemeinschaftsbewußt-
sein erschwert wird, ein wie starker seelischer Druck und welche Hem:-
mungen auf der Unterschicht lasten.
1) Beispiele bei Oppenheimer, Der Staat (System der Sociologie II)
S, 345 f.