52 Zweiter Teil. Landet. II. Der Lande! im allgemeinen.
Es darf dem deutschen Kaufmann keineswegs gleichgültig sein, ob er deutsche
oder englische Waren vertreibt; vielmehr hat er als Deutscher zweifellos die Pflicht,
deutsche Waren vorzuziehen, ivenn diese ungefähr ebenso gut und billig sind wie
englische Waren. Die Engländer haben das schon vor Jahrhunderten als selbst
verständlich betrachtet, und gerade hierdurch ist ihrer Volkswirtschaft die gewaltige Stoß
kraft erwachsen, mit der sie die Welt erobert hat. Dann kam freilich auch für England
eine Zeit, welche das nationale Empfinden zurücktreten ließ. Aber was erleben wir
in diesem Augenblicke? Seitdem durch bekannte Vorgänge die Eifersucht der Engländer
gegen die Deutschen so bedauerlich gewachsen ist, kaufen viele englische Kaufleute
nur noch solche deutsche Waren, die sie notwendig brauchen, d. h. solche, die entweder
überhaupt nicht in England hergestellt werden, oder die doch wesentlich billiger oder
besser sind als die konkurrierenden englischen Erzeugnisse, während sie vordem, wenn
deutsche Reisende zu ihnen kamen, wohl auch andere Artikel mitnahmen.
Damit sind die Engländer wieder mehr oder weniger zu der Praxis zurück
gekehrt, die sie jahrhundertelang befolgt haben, die dagegen in Deutschland, wegen
dessen unglücklicher politischer und wirtschaftlicher Entwickelung, jahrhundertelang nicht
befolgt werden konnte. Der deutsche Lande! hat sich seit dem 16. Jahrhundert gesondert
von der übrigen Produktion, ja zum Teil in unverkennbarem Gegensatze zu dieser ent
wickelt, weil es keinen deutschen Staat gab, der imstande war, alle Produktivkräfte
zusammenzufassen, und ohne den auch kein derartiges Nationalgefühl entstehen konnte,
wie es die Engländer schon so lange besaßen, kein Nationalgefühl, das stark genug
gewesen wäre, um neben dem notwendigen Selbstinteresse den Kaufmann bei seinem
Geschäftsbetriebe wesentlich mit zu beeinflussen.
Das ist jetzt glücklicherweise anders geworden, und schon zeigen sich die segens
reichen Folgen; schon mehrt sich die Zahl der deutschen Kaufleute, die mit leuchtenden
Augen davon berichten, daß sie draußen in der Welt den deutschen Erzeugnissen
neue Anerkennung, neuen Absatz verschafft haben. Erst damit erlangt der Landel
in der deutschen Volkswirtschaft jene Pionier- und Führerrolle, die ihm von Natur
gebührt, und die er in England seit Alters gehabt hat.
Diese Führcrrolle hat er aber noch in mannigfacher anderer Linsicht zu betätigen.
Ich erinnere nur an die deutsche Auswanderung. Lier gilt cs wiederanzuknüpfen
an die beste Zeit des deutschen Bürgertums, an die Blütezeit unserer alten Städte.
Wie jetzt, so strömten auch damals schon große Scharen von Deutschen ins Ausland,
Angehörige aller Stände, Ritter, Bürger und Bauern; aber die wirtschaftliche
Führung hatten die Bürger in Länden, im Norden wie im Süden. Dort übten die
Lansakaufleute nicht nur zeitweilig eine wirtschaftliche Lerrschaft über die schwach
kultivierten Nachbarländer aus, sondern — was weit mehr bedeutet — sie trugen auch
durch ihre Städte die deutsche Kultur dauernd bis ins Lerz der Slavenländer.
Die Städte des ostelbischen Deutschlands sind derart Mittelpunkte deutschen Lebens
geworden, daß ohne sie Deutschland ganz gewiß nicht von Preußen hätte geeint werden
können. Ähnlich wirkten die oberdeutschen Kaufleute bei der Kolonisation Österreichs.
Wenn Preußen und Österreich zu Großmächten erwachsen sind, so danken sie dies
nicht an letzter Stelle jener kolonisatorischen Mitarbeit deutscher Bürger; diese bildeten
den wahren „Mittelstand", der es verhinderte, daß die Gesellschaft in Lerrschende und
Unterjochte zerfiel, was früher oder später, wie in Polen, den Untergang des Staats
wesens zur Folge gehabt hätte. Gerade darin haben wir den Lauptunterschied deutschen
und slavischen Wesens zu erblicken, daß jenes sich als fähig erwiesen hat, eine eigene
bürgerliche Kultur zu schaffen, was den Slaven bis zum heutigen Tage noch nicht
gelungen ist.
Die deutschen Bürger schufen ferner in ihren Städten glänzende, nach manchen
Richtungen noch jetzt unerreichte Vorbilder für die spätere Staatenbildung. Die