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Bernhard Harms
schaft aufgebaut. Ostdeutschland hatte den Gersteanbau erheblich ein-
geschränkt und dafür die Roggenproduktion ausgedehnt, während in
Rußland die umgekehrte Entwicklung vor sich gegangen war. So hatte
sich eine Arbeitsteilung durchgesetzt, die allen Interessen entsprach.
Rußland lieferte für die deutsche agrarische Veredelungswirtschaft den
Rohstoff, die deutschen bäuerlichen Betriebe stellten sich mehr und mehr
auf die Lieferung von Fleisch und tierischen Erzeugnissen ein, deren
Nachfrage durch die wachsende Industrialisierung schnell zunahm. Ost-
preußen wurde durch diesen Wandel nicht berührt, weil es seinen Roggen
dank dem Einfuhrscheinsystem mit ausreichendem Gewinn exportieren
konnte. Hauptabnehmer waren die nordeuropäischen Länder. Vom
Standpunkt der deutschen Volkswirtschaft wurde somit die Einfuhr
von Gerste durch die Ausfuhr von Roggen bezahlt.
Der Krieg hat diese »internationale agrare Arbeitsteilung Europas«.
wie Beckmann sie nennt, zerstört. Es ist seitdem auch nicht gelungen,
sie wiederaufzubauen. Die russische Gersteausfuhr hat aufgehört. Die
deutsche Bauernwirtschaft mußte sich nach Ersatz umsehen, der bisher
den erzwungenen Verzicht auf die russische Gerste ökonomisch nicht
wettgemacht hat. Dazu kommt, daß Ostpreußen in eine schwierige
Lage geraten ist, weil nicht nur die Abwendung des Konsums vom
Roggen, die in Deutschland schon in der Vorkriegszeit große Fortschritte
gemacht hatte, sich inzwischen erheblich stärker durchgesetzt hat, sondern
auch die Ausfuhr auf Schwierigkeiten stößt, insofern als Polen mit seinem
»Papierroggen« den deutschen »Prämienroggen« (Beckmann) unterbietet.
Wie hier der Ausweg gefunden werden soll, ist einstweilen nicht zu sehen.
Daß die Propaganda »eßt Roggenbrot« durchschlagenden Erfolg haben
könnte, ist unwahrscheinlich. Inwieweit die Maßnahmen der Reichs-
getreidegesellschaft die Preisbildung auf dem Roggenmarkt beeinflussen
können, bleibe dahingestellt. Grundsätzlich betrachtet, handelt es sich
hier um künstliche Beeinflussungen, gegen die an sich nichts zu sagen
wäre, wenn die deutsche Roggenkrisis konjunkturell bestimmt würde
und demgemäß als eine vorübergehende Erscheinung zu werten wäre.
Handelt es sich jedoch, wie es heute den Anschein hat, um einen dauernden
Strukturwandel, so wird die Anpassung an diesen mit andern Mitteln
herbeigeführt werden müssen.
Die Zerstörung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen
zum Osten hat übrigens auch einen andern agrarischen Strukturwandel zur
Folge gehabt: die Rückbildung des deutschen Zuckerrübenanbaues,
der nur mit Hilfe der polnischen Wanderarbeiterinnen zu jener Blüte
gelangt war, deren er sich in der Vorkriegszeit erfreute, und die zu der
Auffassung geführt hatte, daß die deutsche Zuckerwirtschaft wahrhaf‘
ideal in »nationaler Produktivkraft« wurzele. Daß im Hinblick auf df