die sich aus diesem Quell nährten. Auch waren die Unterschiede
zwischen hohen Einnahmen und plötzlichen Zusammenbrüchen, wie
sie die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigte, so bedeutend,
daß das Volk in den größeren Städten sich andauernd in einem
gewissen krisenhaften Zustand befand, der wirtschaftlich und sozial
seine unleugbaren Schattenseiten hatte. Im 18. Jahrhun-
dert, als nicht mehr so riesige Handelsgewinne eingeheimst
wurden wie früher, verteilte sich offenbar der Wohl-
standegleichmäßiger über das ganze Land und
die einzelnen_Volksklassen. Als von der Mitte des
Jahrhunderts an der Wohlstand abnahm, wurden die zum Teil
schon eingestellten Fürsorgemaßregeln für die Armen wieder in
Kraft gesetzt).
Für besondere allgemeine Notstände, vorzüglich wenn sie die Ernährung
berührten, traf man Maßnahmen öffentlicher Art. Solchen Kalamitäten gegenüber
zeigte die Stadt Amsterdam, daß die wirtschaftlichen Erfahrungen ihrer Regenten
auch der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden konnten. So’ kaufte sie in den
Jahren 1623, 1629, 1630, d. h. Jahren des Getreidemangels, rechtzeitig und im
stillen Getreide auf und verkaufte es an die Bäcker, wobei die Stadt ein Geldopfer
brachte, aber eine Erhöhung des Brotpreises verhinderte?). Um den verbotenen
Aufkauf zu verhüten, wurde 1623, wie es schon 1595 geschehen war, jeder Kauf-
mann, Bürger oder Fremder, der in Amsterdam Getreide verkaufte, verpflichtet,
der Stadt den Ort, wo sein Getreide lagerte, anzuzeigen zugleich mit dem Preis,
für den er es verkaufen wollte oder schon verkauft hatte. An diesen Preis war der
Kaufmann gebunden und für ihn hatte er sein Getreide im kleinen an jedermann
abzugeben. So sorgte man dafür, das Getreide auf einer vernünftigen Preisgrund-
lage zu halten, und beugte künstlichen Steigerungen vor. Trotz der eigenen Not
versorgte Amsterdam auch die Umgegend damals mit seinen Vorräten. Am schlimm-
sten war es in dieser Zeit im Jahre 1630%). Man mußte damals sogar zu dem Mittel
greifen, den Brauern und Brennern die Verwendung von Weizen und Roggen zu
verbieten, und ein Brot aus Roggen, Gerste und Bohnen backen. Den freien Handel
wollte man auch jetzt nicht stören; deshalb widersetzte sich Amsterdam der von
den Staaten von Holland geplanten Preisfestsetzung, die das Getreide nur nach
anderen Plätzen treiben müsse. Übrigens pflegte Amsterdam auch dann Getreide
anzukaufen, wenn keine Not bestand; die Stadt kaufte stets zum Marktpreis; man
hatte zu viel Hochachtung vor dem privaten Eigentum, um Schritte zu unternehmen,
die als Preisdrückerei ausgelegt werden konnten. Die Getreidespekulanten wurden
deshalb auch meist mit großer Nachsicht behandelt; erst wenn die Not vor der Tür
ı)) de Bosch-Kemper; S. 107.
2? van Dillen Duurtemaatregeln.
3) Die starke Abnahme der Zufuhren aus dem Osten ist ersichtlich auch aus
der unten $ 8 mitgeteilten Tabelle.
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