416 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
bäuerlicher Hausindustrie als Nebengewerbe, teils auch in mo—
derner Hausindustrie als Hauptgewerbe betrieben: in letzterem
Falle hatten sich, in Westfalen, in Schlesien, ganze Kolonien
von Spinnern und Webern gebildet. Und das Erzeugnis
deckte nicht bloß das heimische Bedürfnis, weithin vielmehr nach
Spanien und nach England ging deutsches Leinen; und aus
Preußen wurde außer Geweben gegen Ende des 18. Jahr⸗
hunderts auch noch jährlich für etwa drei Millionen Taler
Leinengarn exportiert. Diese günstige Entwicklung wurde nun
zunächst durch Erfindung der Spinnmaschine insofern be—
einträchtigt, als diese auf Flachs schwer anwendbar war und
also der Wolle, namentlich aber der Baumwolle einen Vor—
teil verschaffte. Schlimmer aber wirkten dann Kontinental⸗
sperre und Napoleonische Kriege. Die Engländer füllten jetzt
im Auslande durch ihre Erzeugnisse die Lücken, welche der
deutsche Export lassen mußte, und beseitigten diesen endgültig
durch weit billigere Produktion, wie sie der Ubergang zur
mechanischen Spinnerei gestattete.
Neben der Leinenindustrie nahm sich die Wollindustrie
längst nicht so stattlich aus wie heute. In Preußen schlug
man um 1800 den Verbrauch an Tuch für den Kopf der Be—
völkerung auf etwa eine halbe Elle an: „der Tuchrock der
Bauern mußte viele Jahre aushalten, und oft erschienen Knechte
und Tagelöhner im strengsten Winter beim Gutsherrn oder
im Gerichtstermin im leinenen Kittel“. Daher war denn die
Wollindustrie immer noch ein wenig, was sie im Mittelalter
gewesen war: eine Luxusindustrie wenn auch fur breiteren
Verbrauch; und nur durch die Entwicklung der stehenden Heere
mit ihren groben Tuchuniformen hatte sie nach unten hin einen
ständig stärkeren Halt erlangt. In Preußen berechnete man
1802 die Produktion auf 18 Millionen Taler; davon wurde,
neben einer Einfuhr von 2 Millionen, für 7 Millionen aus—
geführt. Der Betrieb lief aber noch nicht auf größere Fabriken,
sondern auf kleine Anlagen hinaus, in denen sich allmählich
die von früher her ansässigen Tuchmacher des Mittelstandes,
soweit sie wohlhabend waren oder wurden, ohne große Schwierig⸗