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Bernhard Harms
Pl
ein Zeitpunkt, der nach meinen Beobachtungen nicht sehr fern liegt.
Amerikanischer Kapitalismus wird dann nicht säumen, die seit langem
bis ins einzelne vorbereiteten Bahnprojekte für Zentral- und Südamerika
und — sobald die innerpolitische Lage es gestattet — auch für China der
Verwirklichung entgegenzuführen. Daß in den genannten Gebieten das
Eisenbahnwesen erst in den Kinderschuhen steckt, braucht nicht aus-
geführt zu werden.
Eigentliche Strukturwandlungen von weltwirtschaftlicher Bedeutung
hat das Verkehrswesen zu Lande auch sonst nicht erfahren. Bemerkens-
wert ist allerdings die Entwicklung des Kraftwagenverkehrs, der
ungeahnte Dimensionen angenommen hat. Im Jahre 1914 gab es auf der
Erde etwa 2 Millionen Kraftwagen. Zur Zeit sind es annähernd 30 Millionen.
Die Produktion war beträchtlich größer, weil sie auch die verbrauchten
Wagen umfaßte. Es gibt nicht viele Beispiele für das schnelle Empor-
kommen einer Industrie wie dasjenige der Kraftwagenindustrie. Ihr
Zentrum bilden die Vereinigten Staaten, auf die etwa 75 %, aller Kraft-
wagen entfallen. Leistungsfähige Industrien haben aber auch England,
Frankreich und Belgien, während die deutsche Automobilindustrie zwar
technisch auf der Höhe ist, aber wirtschaftlich nur bei hohen Schutzzöllen
bestehen zu können erklärt. Vom weltwirtschaftlichen Standpunkt ge-
sehen, bewirkt der grandiose Fortschritt der Kraftwagenindustrie Struktur-
wandel in dreifacher Richtung. Der erste äußert sich in der Zunahme des
internationalen Reiseverkehrs einer Oberschicht.‘ Der zweite, wichtigere
besteht in der vermehrten Nachfrage nach gewissen Rohstoffen, Kaut-
schuk, Stahl, Blech, Leder, Lacken u. dgl., die zu Veränderungen in der
proportionalen Rangordnung der Rohstoffe gegenüber der Vorkriegszeit
geführt hat. Noch wichtiger ist die durch die Entwicklung des Kraft-
wagenverkehrs erfolgte weitere »Emanzipation vom Organischen« in
dem Sinne, daß Pferd und Zugvieh verdrängt werden. Welche Be-
deutung Automobile und Traktoren für die Gestaltung des Getreide-
und Futtermittelmarktes im einzelnen gehabt haben, läßt sich allerdings
statistisch nicht ermitteln. Alle Versuche, die ich angestellt habe, sind
gescheitert. Daß die Wechselwirkung beträchtlich ist, liegt auf der Hand.
Sie muß sich auch in der Nachfrage nach Pferden und Zugtieren bemerkbar
machen, doch fehlen auch dafür zuverlässige Nachweise. Dies Versagen
der Statistik liegt natürlich daran, daß der Vorgang, um den es sich hier
handelt, in seiner wirtschaftlichen Auswirkung nicht isoliert werden kann
Bedeutsame Strukturwandlungen gegenüber der Vorkriegszeit weist
die Seeschiffahrt auf, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer
Hinsicht. Bemerkenswert ist zunächst schon die starke Zunahme def
Gesamthandelstonnage von 31%, die hauptsächlich zugunsten de!
Vereinigten Staaten. erfolgt ist. Demgemäß hat sich die prozentual