Full text: Der historische Materialismus

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den früheren Menschenstämmen nur für die Stammes— 
genossen galt, so gilt es in der Klassengesellschaft nur 
Klassengenossen gegenüber, und das nur, soweit es die 
Konkurrenz gestattet. 
Durch den Fortschritt der Technik, durch die Anhäu— 
fung von riesigen Reichtümern einerseits, von Scharen be— 
itzloser Proletarier andererseits wird in unserer Zeit der 
Klassenkampf zwischen Besihenden und Besitzlosen, Kapi— 
talisten und Arbeitern immer schärfer und heftiger In 
unseren Tagen kann also von einem Befolgen der höchsten 
sittlichen Gebote zwischen den Klassen untereinander je 
länger je weniger die Rede sein Im Gegenteil, die an— 
deren großen Triebe, die der Selbsterhaltung und der 
Sorge für die Nachkommenschaft, haben jeht in den Klassen 
bei weitem die Oberhand über die alten sozialen Tugenden 
gewonnen. Der Instinkt der Selbsterhaltung läßt die kapi— 
talistischen Klassen immer schroffer den Arbeitern das Not— 
wendige verweigern Sie fühlen, daß sie in nicht allzu 
ferner Zeit alles, all ihren Besitz, all ihre Macht werden ab— 
geben müssen, und aus Furcht, auch nur einen Schritt auf 
diesem Weg zu tun, werden sie immer widerwilliger, auch 
nur etwas zu geben. Und auch der Arbeiter fühlt gegen— 
über dem Kapitalisten keine Nächstenliebe, denn die Triebe 
der Selbsterhaltung und der Liebe für seine Kinder treiben 
ihn, die Kapitalisten niederzuringen und auf diese Weise 
eine herrliche, glückliche Zukunft zu erobern. 
Die Entwicklung der Technik, der gesellschaftliche Reich—⸗ 
tum, die Arbeitsteilung, sind so weit fortgeschrikten, die be— 
sitzenden und die besißlosen Klassen sind so weit vonein— 
ander getrennt, daß der Klassenkampf „zu der hauptsäch— 
lichsten, allgemeinsten, dauerhaftesten Form des Kampfes 
ums Dasein der Individuen in der Gesellschaft ge— 
vorden ist“. 
Mit der wachsenden Konkurrenz hat unser soziales Ge— 
fühl, unser Gefühl gegenüber den Mitgliedern unserer Ge⸗ 
sellschaft, das heißt unsere Sittlichkeit an Kraft abgenom⸗ 
men Mit dem Klassenkampf hat unser soziales Gefühl 
gegenüber den Mitgliedern anderer Klassen, das heißt un⸗ 
sere Sittlichkeit ihnen gegenüber gleichfalls abgenommen, 
aber desto kräftiger ist es gegenüber den Mitgliedern un— 
serer eigenen geworden 
Ja, so weit ist es mit dem Klassenkampf schon ge— 
lommen, daß für die Mitglieder der wichtigsten Klassen das 
Wohl hrer Klasse mit dem Gemeinwohl, dem Wohl der 
ganzen Gesellschaft gleichbedeutend geworden ist. Um des
	        
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