Full text: Der historische Materialismus

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Recht, Brüderlichkeit. Es scheint also, als ob das Ideal 
immer dasselbe sei. 
Bei genauerem Zusehen stellt sich als Ursache dieser 
Erscheinung heraus, daß, seitdem es eine Klassengesellschaft 
gibt, a lle herrschenden Klassen die Unfreiheit, die Un— 
gleichheit und das Unrecht in Schutz genommen haben, und 
a lLIe Beherrschten und Unterdrückten, sobald sie zum Be— 
wußtsein kamen und ihre Kraft sich zu regen begann, Recht, 
Freiheit und Gleichheit forderten. Weil es immer Unter 
drückung gab, gab es auch immer Sinn für Freiheit und 
Gleichheit. Wenn wir aber hinter die Losungen, hinter 
die Worte blicken, dann finden wir, daß die Gleichheit und 
Freiheit, die die einen forderten, eine ganz andere war 
als die, die die anderen verlangten, und daß der Unter— 
schied von den Klassen- oder Produktionsverhältnissen, in 
denen die verschiedenen Unterdrückten sich befanden, her— 
rührte. Wir haben das schon früher an den Beispielen des 
Christentums, der französischen Revolution und der So— 
zialdemokratie nachgewiesen und brauchen das also nicht 
nochmals zu beweisen. 
Auch das sittliche Ideal ist für verschiedene Zeiten und 
Klassen verschieden. Es lebt und entwickelt sich wie alle 
Ideen. Die ganze Sittlichkeit ist also, ebenso wie die 
Politik, das Recht und andere Geistesblüten, eine 
nmatürliche Erscheinung, die wir recht gut verstehen 
und in ihrer Entwicklung verfolgen können. 
Bemerkung 
Die Sittlichkeit ist nicht ein von den anderen ganz 
getrennter Bezirk des Geistes. Der Mensch ist nicht in 
enem Teil ein politisches Wesen, in einem anderen Teil 
ein juristisches Wesen, dann wieder gesondert ein sittliches, 
und in einei Teil ein religiöses Wesen. Der Mensch ist ein 
Ganzes, das wir nur, um es beser zu Derefen, 
in verschiedene Teile zerschneiden, damit wir jeden für sich 
besser betrachten können. In Wirklichkeit sind politische, 
sittliche, —J— religiöse Auffassungen eng miteinander 
berflochten und bilden zusammen einen Geistesinhalt. 
Es nimmt uns also kein Wunder, daß sie alle gegenseitig 
aufeinander einwirken, Die einmal gebildete politi— 
sche Ueberzeugung bekommt eigene Kraft und wirkt auf die 
uristischen Auffassungen und sittlichen Gefühle ein; die 
einmal gebildeten sittlichen Gefühle wirken auf die politi— 
schen und anderen Ueberzeugungen zurück 
Wir wollen das wieder an einem Beispiel dartun
	        
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