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Dichtung.
Fürsten, ihr zumeist recht unklar geartetes Streben nach einer
anderen Verfassung des Reiches, die ihren Bedürfnissen besser
gerecht würde, ist der besondere Vorwurf des Dramas. Und
die Behandlung im einzelnen ist dann ähnlich der Be—
wältigung des Stoffes in den „Webern“. Wie dort so er—
scheinen hier über der großen Masse als dem Gesamthelden
besondere Führer: einige Bauern und vor allem der zu den
Bauern übergegangene, ihre Ideale teilende Ritter Florian
Geyer. Und die Katastrophe tritt hier wie dort in verwandter
Weise ein: die politischen Gewalten überwinden die soziale
Revolution, und in dem Kampfe fallen Gerechte wie Un—
gerechte; die geschichtliche Notwendigkeit fährt unerbittlich daher,
die besonderen Wünsche des bäuerlichen Kollektivhelden, an sich
vielleicht ideales Recht, werden ins Unrecht gesetzt durch die
brutale Macht der allgemeinen Interessen. Es ist ein Kampf
ums Dasein und eine Niederlage im großen; von sittlichen Ge—
setzen, vom Triumphe des Guten ist nicht die Rede.
In der Schicksalsidee, wie man sie hier ausgesprochen
finden kann, scheint die innere Notwendigkeit beschlossen zu
liegen, soziale Massendramen historisch zu fassen. Denn wer
würde sich so leicht bei dem Gedanken beruhigen können, zu
sehen, wie ganze Volksschichten in einer nur gedachten Krisis
allgemeinen sozialpsychischen Lebens selbst auch nur scheinbar
ungerecht zu Grunde gehen? Nur die Thatsache, daß solche
Katastrophen wirklich vorgekommen zu sein scheinen, berechtigt
doch wohl nach dem überwiegenden Urteil der Zeitgenossen zu
ihrer dramatischen Bearbeitung. Auch die „Weber“ sind im
Grunde ein historisches Drama. —
Wie dem auch sei, Hauptmann hat in „Florian Geyer“
den Weg gewählt, in der allgemeinen seelischen Welt der
Reformationszeit den Bauernstand als Helden kämpfen, kurze
Zeit siegen und dann untergehen zu lassen. Ein vom Stand—
punkte des Historikers und auch wohl des allgemeinen geschicht⸗
lichen Verständnisses der Gegenwart aus ungeheures Wagnis!
Ungeheuer an sich, doppelt ungeheuer für eine Zeit, deren
Volksseele an erster Stelle und im allgemeinsten Sinne doch