Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 801
Um so mehr eignete sich das Mittelschulwesen: Latein⸗
schule, Gymnasium, Realschule, niedrige akademische Bildung
und Kadettenbildung: zum Tummelplatze der Anschauungen
Friedrichs. Man findet ihn dabei vor allem seit dem Hubertus—
burger Frieden tätig: nun galt es der erziehlichen Bildung
der Offiziere, der Beamten, der Gebildeten überhaupt. Und da
ist es denn merkwürdig zu sehen, bis zu welchem Grade sich
Friedrich den Idealen des Neuhumanismus näherte, wie sie in
den sechziger und siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts ge—
formt wurden: eine Entwicklung seiner Persönlichkeit, die
sichtbar mit der Berufung von Zedlitzens zu einer Art von
Kultusminister im Jahre 1771 beginnt und sich dann in der
Fürsorge vor allem für die Gymnasien, insbesondere die
Berliner, Friedrichswerder und Joachimstal, bis zu seinem
Tode fortsetzt.
Was bedeuten nun diese Vorgänge für die Beurteilung
der staatsmännischen Persönlichkeit Friedrichs? Unzweifelhaft
haben wir hier eine Stelle erreicht, die tiefe, wenn nicht tiefste
Einsicht verstattet. Friedrich war in seiner Zeit verankert: als
die Vollendung des politischen Individualismus kann seine
Regierung gelten. Aber ihm fehlte doch nicht ganz ein Zug,
der über diese allgemeine Konstellation schon hinauswies.
Seine Jugend ist ausgezeichnet durch innige Verehrung einer
der höchsten Renaissancen, die sich bis dahin ereignet hatten,
der französischen Renaissance des Zeitalters Ludwigs XIV.
War es dieser Zug, der ihn, in neuem und doch altem Zu—
sammenhange, zum Neuhumanismus der deutschen Kultur der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts langsam und leise hinüber⸗
seitete? Oder war es gar eine innere Verwandtschaft mit
dem Entwicklungszuge dieser Kultur selbst, sobald sie sich in
langsamer Abklärung einem neuen, durch antike Momente
mit charakterisirten Klassizismus näherte? Friedrich der
Große hat Goethes „Götz“ verabscheut. Würde er Goethes
„Iphigenie“ geschätzt haben?
Erst ein voller Überblick über den König als Menschen,
erst die weitere Erkenntnis des Verlaufs seiner Herrscherlauf⸗