Object : Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

Soweit sich übersehen lässt, berührt auch dieses Problem unmittelbar
 bedeutend weniger das alteingesessene Amerikanertum. als
vielmehr die Neueingewanderten, deren schlechtbezahlte Erwerbsarten
 es oft nötig machen, dass die Familienmitglieder mit verdienen.
 Ganz bestimmt aber trifft dies zu für die Heimarbeiter, die
es heute noch in den Grossstädten des Ostens gibt. Wir haben ihre
Behausungen in den trostlosen Stadtvierteln New Yorks kennengelernt.
 Sie arbeiten Putzmacherei allerlei Art, machen Schmuckgegenstände
 und Spielereien, billige’ Halsbänder, Armbänder usw.
Wenn die Frau und zwei Kinder von morgens bis abends arbeiten,
bringen sie es allenfalls auf 1% Dollar oder 1% Dollar im Tage. Ihre
Wohnung besteht aus zwei Räumen, die in gesundheitlicher und
ästhetischer Hinsicht der Beschreibung spotten. Nach unserer Erkundigung
 sind sie so gut wie restlos aus der. neueren Einwandererschicht.

Die Frauenarbeit beschränkt sich gewiss nicht auf die ärmere
Schicht der Neueingewanderten und auf die farbigen Rassen. Im
Gegenteil: immer mehr Frauen aus den bessergestellten Schichten
nehmen den Wettbewerb mit dem Manne im Berufsleben auf und
haben oft genug Stellungen inne, die ihnen mehr einbringen, als der
Mann im gleichen Berufe durchschnittlich verdient.
In den niedrigsten Betätigungsarten aber, wo häufig Hungerlöhne
 gezahlt werden, ist wieder die Frau aus den ersten Generationen
 der Neueinwandererschicht geradezu auffallend stark vertreten.
 Das ergibt sich — ebenso wie der starke Anteil der Kinderarbeit
 — schon durch den schlechten Verdienst der meisten Männer
dieser Kategorie. In Chicago arbeiten Frauen ungarischer, italienischer
 und slawischer Herkunft in Waschanstalten täglich zehn
Stunden und sogar länger, um einen Wochenlohn von 10bis 12Dollar
(was am gleichen Orte ein Dienstmädchen, jedoch bei freier Verpflegung
 und Wohnung, erhält!) und manchmal darunter zu verdienen.
 Wahrscheinlich ist dies auch in anderen Städten nicht
besser, sondern eher schlechter, denn im allgemeinen gehören
sowohl die Organisations- wie die Arbeitsverhältnisse von Chicago,
und anscheinend vom Staate Illinois überhaupt, zu den besten des
Landes. Ja, die genannten Arbeiterinnen haben dort gerade zur
Zeit unseres Aufenthaltes einen erfolgreichen Anfang gemacht, sich
gewerkschaftlich zusammenzuschliessen, um so ihre Arbeitsbedingungen
 zu verbessern. Vielleicht haben sie sich dabei die Arbeiterinnen
 der Bekleidungsfabrikation zum Vorbild genommen, die vor
noch nicht langer Zeit in ähnlicher Weise ausgebeutet wurden und
nunmehr, seitdem sie eine gewerkschaftliche Organisation haben,
in 44 Wochenstunden in ‚Akkordarbeit (z. B. in Cleveland) bis
zu 50 Dollar verdienen, ein Lohn, der sich neben dem eines

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