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der besonders in den russischen Randstaaten eine größere Anhänger-
schaft zu werben verstanden hatte, gruppierten sich eine Reihe Ar-
beitervereinigungen, die ebenso wie die erstgenannten Pole einander
zustrebten, doch hielten taktische Erwägungen, wie die der „Oekono-
misten“, der russischen Bernsteinianer, und lokale Sonderbedenken
durchgreifende, zentralisierende Maßnahmen hintenan. Auch der ın
dieser Hinsicht zu einem alle Teile ziemlich unbefriedigt lassenden
Kompromiß gelangende Kongreß der russischen Arbeitervereinigun-
gen in Minsk — 1898 — hatte in diesem Streben keinen Wandel ge-
schaffen, besonders da kurz nachher viele der Teilnehmer des Kon-
gresses und andere in der Bewegung eifrig tätige Personen infolge
Verhaftung und Einkerkerung von der Szene abiraten. Diese starke
Unsicherheit innerhalb Rußlands veranlaßte die übriggebliebenen
Führer und den erst aus Sibirien zurückgekehrten Lenin, im Auslande
eine Stelle zu schaffen, die von den staallichen Machthabern weniger
leicht außer Aktion gesebt werden konnte, als eine Zentrale in Ruß-
land selbst. So entstand die Zeitschrift „Iskra‘“. Die angesehensten
russischen Marxisten: G. Plechanow, V. Zasuli&, Lenin, Martow, Axel-
rod, waren ihre Gründer und Redakteure. Ihre erste Nummer er-
schien im Dezember 1900 in München, später siedelte der Verlag nach
London und dann nach Genf über. Das Ziel war von Anfang an klar
umrissen: Die Stabilisierung der revolulionär-marxistischen Theorien
in der Arbeiterbewegung Rußlands und die Konsolidierung der
russischen Gruppen, die diese Theorien anerkannten, zu einem einzigen
Verbande unter streng zentralistischer Leitung.
„Dem Funken wird eine Flamme entlodern!‘“ Diese Sirophe des
Dichters Puschkin, mit der er einst auf den Aufruf der Dekabristen
antwortete, ihronte als Motto am Kopf des neuen Organs, und in der
Tat war es diese Zeitschrift und ihre Nachfolgerinnen, denen die Rolle
der Funken im größten revolutionären PulverfaBß der Weltgeschichte,
im zaristischen Rußland, zugekommen ist. Der Angriff gegen den
„professionalen Opportunismus‘“ wurde sofort von Lenin eröffnet,
ebenso gingen nach kurzer Zeit er und seine Mitredakteure daran,
Programm- und Organisationsstatutentwürfe zu schaffen, die als
Basis einer Vereinheitlichung der Bewegung in Rußland dienen soll-
ten”). — Nach solcher Vorbereitung fand endlich im August 1905 in
London der „zweite Kongreß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
7) Eine eingehende Darstellung der „Iskra-Periode“ findet sich bei
M. Lydin (Mandelstam): „Material zur Erläuterung der Parteikrise in der
Sozialdem. Arbeiterpartei Rußlands“. . Genf: Buchdr. „Iskra‘““ 1904. S. 21 ff.
Fin ‘wichtiges Dokument ‚für. die. Ansichten ‚Lenins’ ist außer den „Iskra“-
Artikeln auch seine Schrift: Cto delat’? Stuttgart: Dieb 1902. 8°%.. (Was 1un?)