498 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
Bedenken. Endlich streitet das, was er in seinen verschiedenen
Schriften geltend macht, in gewisser Weise gegeneinander.
Seit dem Jahr 1916 läßt Sombart eine neue, ganz wesent-
lich umgearbeitete Auflage seines „Modernen Kapitalismus“
erscheinen!). Es ist ein Werk von außerordentlichem Fleiß. Wie
Sombart hier auf die Einwendungen seiner Kritiker ausführlich
eingeht, so hat er überhaupt eine gewaltige Literatur verwertet.
Steht, zum Teil gerade infolge des Bestrebens, gegenteiligen
Meinungen Rechnung zu tragen (freilich nicht bloß deswegen),
die zweite Auflage in der Geschlossenheit der Darstellung hinter
der ersten zurück, so ist jedenfalls die reiche und vielseitige Be-
lehrung zu rühmen, die aus dem Werk (um so mehr, je mehr
es sich den neuern Zeiten nähert) geschöpft werden kann. Aber
leider zeigt die neue Auflage noch die Mängel der alten. Die
Sucht, durch eine neue besondere Theorie zu blenden, muß doch
als eine Erscheinung der Sensationswissenschast bezeichnet
werden.
Die neue Theorie über den Ursprung des Kapitalismus,
die jeßt Sombart vertritt, und durch die er die ersten Partien
der zweiten Auflage zu einer recht wenig fruchtbaren Dar-
stellung gemacht hat, ist zudem nur eine Abwandlung der alten.
Während er früher das Kapital aus akkumulierter Grundrente
herleitete, meint er jetßt die Fehler seiner alten Darstellung
vermeiden und doch den Kern seiner alten These festhalten zu
können, indem er die Ansicht zu begründen sucht, die mittel-
alterliche Stadt und damit der erste mittelalterliche Reichtum
städtischer Art sei aufgekommen durch die Entstehung der Stadt
als Hauptstadt, Residenz, Garnisonort. Kaufleute und Hand-
werker werden wohlhabend und reich an den dauernd in der
Stadt wohnenden Grundherren und Staatsoberhäuptern und
deren gesamtem Apparat, oder genauer: an den Grundherren
und Staatsoberhäuptern, die dadurch, daß sie dauernd an einem
Orte weilen, diesen zur Stadt erwachsen lassen. Und die Grund-
1) Erschienen sind bisher: 1. Bd. (1916), 2. Band, in 2 Halb-
bänden (1917).