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Es Hesse sich leicht auch in unseren Werken
manches schaffen, um das Gefühl der Zusammen
gehörigkeit zu erwecken und die Arbeisfreude
wach zu halten. Dazu gehört vor allem eine
Fabrikzeitung, bei kleinen Firmen der Anschlag
am schwarzen Brett, bei grossen Werken die ver
vielfältigten Abzüge oder Druckschriften. Diese
Fabrikzeitungmeldetalle Personalangelegenheiten,
den Eintritt neuer Beamter, Beförderungen, Ju
biläen, Austritte etc. und bringt über die einzelnen
Personen kleinere und längere Berichte. Die
Zeitung meldet allen Fabrikangehörigen die Er
folge und Zeugnisse für gute Leistungen der
Firma, bezw. der einzelnen Abteilungen oder Per
sonen, ebenso auch Misserfolge, und vor allem
ihre Ursachen, um erzieherisch zu wirken und an
praktischen Beispielen die Folgen von Fehlern zu
zeigen. Sie berichtet über Unglücksfälle und ihre
Ursachen, über durchgeführte und beabsichtigte
Betriebsverbesserungen und bringt Anregungen
der Beamten und Arbeiter zum Besten des Be
triebes und der Arbeitenden. Die Redaktion einer
solchen Fabrikzeitung kann ein gewandter Korre
spondent oder bei Grossbetrieben das Propa
gandabüro übernehmen. Es werden sich immer
Leute finden, die mit Lust und wirklicher Liebe
selbst in ihrer freien Zeit solche Arbeit und ein
solches Amt gern übernehmen. Dann ist aber
auch ein Sprachrohr da, dann kann der Chef zu
jedem Beamten, Arbeiter oder Lehrling sprechen
und ihm gewissermassen jederzeit zurufen: „Seht,
so steht es, helft nur mit!“
Es ist ganz ausser Frage, dass neben den Lohn-
und Gehaltskämpfen, den Organisationsbewe
gungen der Beamten und Arbeiter dieses Gebiet
völlig unabhängig und neutral bearbeitet werden
kann. Dient es doch vor allem dazu, den Werk
angehörigen, selbst dem einfachsten Arbeiter,
Achtung zu zeigen, dass man sie für wert hält,
ihnen zu sagen, was als Glied einer grossen Kette
sie m itangeht. Warum ist aber der Arbeiter so
interesselos an seiner Arbeit, weil man ihn doch
tatsächlich zum wesenlosen Lohnempfänger her
abdrückt, gleichgültig ob er niedrigen oder hohen
Lohn empfängt. Auch den nicht selbständigen
Beamten eines grossen Betriebes geht es meist
nicht besser.
Fremdheit gegenüber den Bedürfnissen, den
Pflichten, Beschwerlichkeiten und Sorgen der
Anderen, verhindert die Anknüpfung von guten
Beziehungen und Verständnis für die berechtigten
Wünsche unserer Mitmenschen.
Zur Jugendbewegung
E s ist eine eigentümliche Erscheinung, dass
Männer, die den ehrlichen Willen haben, an
wichtigen nationalen Fragen mitzuarbeiten,
sich nicht von der Oberfläche entfernen können
und es ängstlich vermeiden, den Problemen auf
den Grund zu gehen. Sie sehen die Ursachen
von Misserfolgen einfach in der Sozialdemokratie.
Gewiss die bequemste und einfachste Antwort.
Diese Erscheinung wird aber verständlich, wenn
man beobachtet, dass diese Herren Ständen an
gehören, die der Psyche des Volkes, vor allem der
arbeitenden Klassen fern stehen. Mir tritt beim
Lesen solcher Zeilen immer der Verlauf einer
Kontrollversammlung vor Augen, und manchmal
habe ich mich gefragt, wie ist es nur denkbar,
dass die staatlichen Organe fähig sind, den
Leuten aus dem Volke gegenüber sich in so wenig
herzücherund nationalbegeisternder Weise gegen
überzustellen. Verlesung eines langen Strafre
gisters, strenge Verwarnung gegen jegliche Be
rührung mit der Sozialdemokratie, einige kräftige
Anschnautzer und das Kommando „Tretet weg!"
Dann ist das Vaterland gerettet, die Sozialdemo
kratie bekämpft und einem tiefen nationalen Em
pfinden und Stolz der Grundstein gründlich gelegt.
Liebe und Feindseligkeit für die nationale
Jugendbewegung hängen in erster Linie von wirt
schaftlichen Ursachen ab. Es wird häufiger aus
führlich auf die französischen Verhältnisse hin
gewiesen, und es ist wunderbar, dass man nicht
selbst den Schlüssel zur Lösung des Problems
findet. Er liegt in nichts anderem als in der Frage
der Kinderbeschränkung oder der freien Fort
pflanzung. Ich habe vor Jahren in einer fran
zösischen Fabrik einen Lehrjungen, der sehr un
artig war, an den Kragen gefasst, um ihm einen
kleinen Rüffel zu geben. Im gleichen Augenblick
sprangen meine Kollegen zu und riefen: Um
Himmelswillen, fassen sie den Jungen nicht an,
denn man schlägt in Frankreich kein Kind. Und
ich habe später auf der Strasse beobachtet, dass
Mütter unartige Kinder schlagen wollten, und
die vorübergehenden Leute sehr entrüstet
waren und für die Kinder Partei nahmen. Der
kleine Lehrbub, ein Kind, war in den Augen der
Franzosen nicht nur ein Kind, sondern auch ein
freier Bürger Frankreichs, der sich nicht schlagen
zu lassen braucht.
Auch in England hat die Jugendbewegung
einen anderen Charakter. Unsere Pfadfinder sind
ja nur die Nachahmungen der englischen Boy
Scouts. Bei den englischen Wahlen trägt jeder
Junge ein Band, ein Parteiband, sie spielen bei der
Wahlpropaganda eine wichtige Rolle, ziehen mit
Töpfen und Deckeln und Schildern durch die
Strassen uud nehmen an den Kämpfen schon als
Knirpse Anteil, singen ihre kleinen Wahlliedes
und helfen kräftig mit, je nachdem Vater ein gelber
oder blaues Band trägt. So fühlt sich der kleine
englische Junge schon als ein wichtiger Faktor im