Full text: Zum Kampf um die wirtschaftliche Selbständigkeit des Klein- und Mittelbetriebes

14 
Es Hesse sich leicht auch in unseren Werken 
manches schaffen, um das Gefühl der Zusammen 
gehörigkeit zu erwecken und die Arbeisfreude 
wach zu halten. Dazu gehört vor allem eine 
Fabrikzeitung, bei kleinen Firmen der Anschlag 
am schwarzen Brett, bei grossen Werken die ver 
vielfältigten Abzüge oder Druckschriften. Diese 
Fabrikzeitungmeldetalle Personalangelegenheiten, 
den Eintritt neuer Beamter, Beförderungen, Ju 
biläen, Austritte etc. und bringt über die einzelnen 
Personen kleinere und längere Berichte. Die 
Zeitung meldet allen Fabrikangehörigen die Er 
folge und Zeugnisse für gute Leistungen der 
Firma, bezw. der einzelnen Abteilungen oder Per 
sonen, ebenso auch Misserfolge, und vor allem 
ihre Ursachen, um erzieherisch zu wirken und an 
praktischen Beispielen die Folgen von Fehlern zu 
zeigen. Sie berichtet über Unglücksfälle und ihre 
Ursachen, über durchgeführte und beabsichtigte 
Betriebsverbesserungen und bringt Anregungen 
der Beamten und Arbeiter zum Besten des Be 
triebes und der Arbeitenden. Die Redaktion einer 
solchen Fabrikzeitung kann ein gewandter Korre 
spondent oder bei Grossbetrieben das Propa 
gandabüro übernehmen. Es werden sich immer 
Leute finden, die mit Lust und wirklicher Liebe 
selbst in ihrer freien Zeit solche Arbeit und ein 
solches Amt gern übernehmen. Dann ist aber 
auch ein Sprachrohr da, dann kann der Chef zu 
jedem Beamten, Arbeiter oder Lehrling sprechen 
und ihm gewissermassen jederzeit zurufen: „Seht, 
so steht es, helft nur mit!“ 
Es ist ganz ausser Frage, dass neben den Lohn- 
und Gehaltskämpfen, den Organisationsbewe 
gungen der Beamten und Arbeiter dieses Gebiet 
völlig unabhängig und neutral bearbeitet werden 
kann. Dient es doch vor allem dazu, den Werk 
angehörigen, selbst dem einfachsten Arbeiter, 
Achtung zu zeigen, dass man sie für wert hält, 
ihnen zu sagen, was als Glied einer grossen Kette 
sie m itangeht. Warum ist aber der Arbeiter so 
interesselos an seiner Arbeit, weil man ihn doch 
tatsächlich zum wesenlosen Lohnempfänger her 
abdrückt, gleichgültig ob er niedrigen oder hohen 
Lohn empfängt. Auch den nicht selbständigen 
Beamten eines grossen Betriebes geht es meist 
nicht besser. 
Fremdheit gegenüber den Bedürfnissen, den 
Pflichten, Beschwerlichkeiten und Sorgen der 
Anderen, verhindert die Anknüpfung von guten 
Beziehungen und Verständnis für die berechtigten 
Wünsche unserer Mitmenschen. 
Zur Jugendbewegung 
E s ist eine eigentümliche Erscheinung, dass 
Männer, die den ehrlichen Willen haben, an 
wichtigen nationalen Fragen mitzuarbeiten, 
sich nicht von der Oberfläche entfernen können 
und es ängstlich vermeiden, den Problemen auf 
den Grund zu gehen. Sie sehen die Ursachen 
von Misserfolgen einfach in der Sozialdemokratie. 
Gewiss die bequemste und einfachste Antwort. 
Diese Erscheinung wird aber verständlich, wenn 
man beobachtet, dass diese Herren Ständen an 
gehören, die der Psyche des Volkes, vor allem der 
arbeitenden Klassen fern stehen. Mir tritt beim 
Lesen solcher Zeilen immer der Verlauf einer 
Kontrollversammlung vor Augen, und manchmal 
habe ich mich gefragt, wie ist es nur denkbar, 
dass die staatlichen Organe fähig sind, den 
Leuten aus dem Volke gegenüber sich in so wenig 
herzücherund nationalbegeisternder Weise gegen 
überzustellen. Verlesung eines langen Strafre 
gisters, strenge Verwarnung gegen jegliche Be 
rührung mit der Sozialdemokratie, einige kräftige 
Anschnautzer und das Kommando „Tretet weg!" 
Dann ist das Vaterland gerettet, die Sozialdemo 
kratie bekämpft und einem tiefen nationalen Em 
pfinden und Stolz der Grundstein gründlich gelegt. 
Liebe und Feindseligkeit für die nationale 
Jugendbewegung hängen in erster Linie von wirt 
schaftlichen Ursachen ab. Es wird häufiger aus 
führlich auf die französischen Verhältnisse hin 
gewiesen, und es ist wunderbar, dass man nicht 
selbst den Schlüssel zur Lösung des Problems 
findet. Er liegt in nichts anderem als in der Frage 
der Kinderbeschränkung oder der freien Fort 
pflanzung. Ich habe vor Jahren in einer fran 
zösischen Fabrik einen Lehrjungen, der sehr un 
artig war, an den Kragen gefasst, um ihm einen 
kleinen Rüffel zu geben. Im gleichen Augenblick 
sprangen meine Kollegen zu und riefen: Um 
Himmelswillen, fassen sie den Jungen nicht an, 
denn man schlägt in Frankreich kein Kind. Und 
ich habe später auf der Strasse beobachtet, dass 
Mütter unartige Kinder schlagen wollten, und 
die vorübergehenden Leute sehr entrüstet 
waren und für die Kinder Partei nahmen. Der 
kleine Lehrbub, ein Kind, war in den Augen der 
Franzosen nicht nur ein Kind, sondern auch ein 
freier Bürger Frankreichs, der sich nicht schlagen 
zu lassen braucht. 
Auch in England hat die Jugendbewegung 
einen anderen Charakter. Unsere Pfadfinder sind 
ja nur die Nachahmungen der englischen Boy 
Scouts. Bei den englischen Wahlen trägt jeder 
Junge ein Band, ein Parteiband, sie spielen bei der 
Wahlpropaganda eine wichtige Rolle, ziehen mit 
Töpfen und Deckeln und Schildern durch die 
Strassen uud nehmen an den Kämpfen schon als 
Knirpse Anteil, singen ihre kleinen Wahlliedes 
und helfen kräftig mit, je nachdem Vater ein gelber 
oder blaues Band trägt. So fühlt sich der kleine 
englische Junge schon als ein wichtiger Faktor im
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.