Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

und zwar in beiderlei Begriff. Allerdings verschließe ich mich nicht der 
Erkenninis, daß der wirtschaftliche Kampf auf dieser Erde Formen an- 
nimmt, die neue politische Gefahren in sich bergen. Aber ich habe den 
Glauben, daß der Gedanke der weltwirtschaftlichen Interessensolidarität, 
der von den besten Köpfen der Union vertreten wird und auch in Europa 
in einer geistigen Oberschicht an Boden gewinnt, uns vor neuen schweren 
Erschütterungen bewahren wird. Was bei Machtkämpfen herauskommt, 
hat der letzte Krieg gezeigt: Sieger und Besiegte befinden sich gleicher- 
weise in Bedrängnis. 
Es wird einem Deutschen nicht leicht, im Zusammenhang mit dem 
Krieg des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten unbefangen zu ge- 
denken. Manches hat sich in uns festgesetzt, was erst die Zeit überwinden 
kann. Sie wird es aber überwinden! Ein Hindernis steht dem bis heute 
allerdings noch im Wege: die mangelnde Erfüllung der vierzehn Punkte, 
jener Verheißung, um derentwillen das deutsche Volk die Waffen nieder- 
gelegt hat. Daß die fourteen Points erfüllt werden, ist ebensosehr eine 
amerikanische wie eine deutsche Angelegenheit! Ich weiß auch, daß diese 
Auffassung sich je länger desto mehr in den Vereinigten Staaten durch- 
setzt. 
Im übrigen vertraue ich auf jenen anderen Wetibewerb, der Deutsch- 
Jand und die Vereinigten Staaten von Amerika zu gemeinsamem Dienst 
an der Zivilisation verbindet, im Sinne höchster geistiger Kultur der 
Menschheit, auf die es schließlich ankommt und die allein auch das wahre 
Glück der Nationen bestimmt. 
Meine Herren, wir ehren unseren Gast, indem wir einstimmen in den 
Ruf: die Vereinigten Staaten von Amerika und die Beziehungen zwischen 
Ihnen und unserem Vaterlande Hoch! Hoch! Hoch! 
z. Rede des Ministerialdirektors Dr. Brecht vom Reichsministerium 
des Innern, Berlin: 
Meine Damen und Herren! 
Wenn wir uns heute hier in dem Namen Friedrich Lists versammeln, 
wenn wir sein Bild aus der Geschichte neu erstehen lassen, so kann man 
als Vertreter einer deutschen Regierungsstelle dieser Veranstaltung nur 
mit einer gewissen Wehmut beiwohnen. Als Herr Prof. Notz die er- 
greifenden Aufzeichnungen Lists über Gespräche mit einfachen Land- 
leuten nach seiner Ankunft in Amerika mitteilte, ging er über einige 
Worte mit leiser Stimme hinweg. „Woher kommst du?“ „Vom Hohen- 
asperg.“ Wenn man damals von Deutschland nach Amerika kam, so kam 
man meist vom Hohenasperg, kam von einer Festung oder einem Ge- 
fängnis, oder kam, um einer Festung oder einem Gefängnis zu entgehen. 
Wir nehmen das aus Gewohnheit als selbstverständlich hin, und oft haben 
die, die so gehandelt haben, ihren Schritt aus zeitlichem Abstand nach- 
träglich selbst humorvoll und leicht beschrieben. Wenn man sich aber 
einmal‘ in die persönliche und seelische Lage eines solchen Mannes da“ 
mals wirklich hineindenkt, so sieht sich dieser Schritt anders an, wenig 
humorvoll und sehr bitter, 
Welche innige heiße Vaterlandsliebe spricht aus allem, was uns Herr 
Prof. Notz berichten konnte, — fast unbegreiflich die große Tatkraft 
und Wirkung Lists in den wenigen Jahren seines Aufenthaltes in Amerika. 
Dann kommt er zurück nach Deutschland, wirkt in eigenem Lande. Aber 
die Zeit veht ihm zu langsam. er irrt ohne Anstellung von Staat zu Staat, 
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