5. Rede von Professor Dr. Friedrich Lenz, Gießen:
Meine sehr verehrten Herren!
Der geschäftsführende Vorstand legt Wert darauf, das heutige Zusammensein
zu einer Gemeinschaft im Geiste Friedrich Lists auszubauen
und wird den Mitgliedern daher periodische „Mitteilungen“ über den Fortschritt
der gemeinsamen Arbeit zugehen lassen. Dies ist um so wünschenswerter,
weil Lists literarisches Schicksal kaum weniger tragisch berührt,
als sein persönliches Geschick. Er ist in Wahrheit der zugleich bekannteste
und unbekannteste deutsche Volkswirt. Von seinen über 200 Schriften
ist eigentlich nur das „Nationale System“ allgemein bekannt geworden,
und selbst diesem fehlt bis heute ein wissenschaftlicher Kommentar. Woher
kommt dies? Überschätzen wir seine Gedanken und sind sie tatsächlich
unfruchtbar? In seinen persönlichen Schwächen, in seinem mangelnden
Distanzgefühl für die politische Umwelt kann die Erklärung ebensowenig
gefunden werden, wie in seiner genialen Sorglosigkeit und persönlichen
Bescheidenheit. Der Grund liegt tiefer.
List spricht nicht nur als Autor zum Publikum, sondern als geniale
Persönlichkeit zur Nation und als Staatswissenschaftler zum Staatsmann.
Wer polilische Ökonomie in dem Sinne lehrt, daß alle Wirtschaft begrifflich
wie tatsächlich eingeschlossen sei in Recht und Staat, in Geschichte
und Politik, dessen Lehre erprobt sich in einem ganz eigenen
Sinn an der Erscheinung. Denn diese politische Ökonomie schwebt nicht
gleichsam im leeren Raum, wie irgendwelche reine, das heißt mit fingierten
Annahmen arbeitende Wirtschaftstheorie; ihr Schwerpunkt liegt
auch nicht in irgendwelchen Tagesfragen, sondern sie greift über Zollfragen
und Eisenbahnpolitik hinaus, an die Grundfesten alles menschlichen
Daseins: an das Verhältnis der Nation zu ihrer Wirtschaft im Sinne
der Listschen Nationalwirtschaft, und an das Verhältnis der Nationen zueinander
im Sinn einer wahrhaft internationalen Wirtschaft.
Damit steht eine solche Persönlichkeit aber mitten im Strom ihrer Zeit,
im Ablauf der geschichtlichen Konstellationen. Denn diese großen Lebenskreise
sind in Wahrheit eins: Es gibt keine „Wirtschaft‘, die von den Gesetzen
des nationalen Wachstums losgelöst sei, keine wirtschaftlichen Beziehungen,
die nicht den Tendenzen des Weltstaatensystems folgen. Am
Nichtvorhandensein des deutschen „Nationalkörpers‘ ist List gescheitert;
erst Bismarck hat dem „Nationalgeist‘ mit der staatlichen auch seine
wirtschaftliche Form gegeben. Als die Konstellation im neuen Reich den
Listschen Forderungen günstig wurde, hat man die harmonische Entfaltung
aller produktiven Kräfte erneut verkündet. Während Eugen Dührings
feinsinnige Analyse der Listschen Hauptgedanken noch zu früh
kam, hat der damalige „Zentralverband der deutschen Industrie‘ im Jahre
1877 sich bereit erklärt, eine Volksausgabe der Listschen Werke zu unterstützen.
Der „Reichsverband der deutschen Volkswirte‘“ hat diesen Gedanken
1909, nach einem Vortrag Gustav Schmollers, aufgegriffen. Zwei
Pläne einer Gesamtausgabe seiner Werke sind infolge des Krieges und
der ihm folgenden Inflation nnausgefüllt geblieben. Hier setzt unsere
Arbeit ein.
Was List dem heutigen Deutschland zu sagen hat, ist an dieser Stelle
nicht zu schildern. Ich erinnere nur an Lists grundlegende Theorien vom
Vorrang des Binnenmarktes, vom Ausgleich zwischen Landwirtschaft und
Industrie, an Lists vergessene Sozialpolitik, die produktionspolitisch ausgerichtet,
und an seine Bevölkerungslehre, die durchaus innerhalb des
nationalen Raums gesehen ist. Diese Theorien betreffen brennende Fra-(5