gen unserer Gegenwart; infolge des unglücklichen Kriegsausganges sind
dagegen Lists koloniale und maritime Forderungen, sowie seine Gedanken
über Auslandsdeutschtum und Auswanderung leider zurückgetreten.
Während das Deutschland von Versailles dem Listschen Idealtypus einer
autonomen Volkswirtschaft nicht mehr genügt, ist Lists wahrhaft prophetisches
Bild der internationalen Wirtschaft um so mehr bestätigt worden.
Wenige große Imperialwirtschaften stehen im Vordergrund, unter denen
England die Wege nach Indien beherrscht, Rußland den Gegenpol zur
nordamerikanischen Wirtschaftsmacht bildet. Für unseren Wiederaufstieg
ist bemerkenswert, daß List unserem Vaterland zwar den Rang einer unabhängigen
Nationalwirtschaft, nicht aber den einer Imperialwirtschaft
zuweist, Und wenn heute alle Welt sich industrialisieren will, auf Kosten
unseres alten Kontinents, so geht solch Streben sogar vielfach über List
hinaus, der nur den Großstaaten der gemäßigten Zone eine allseitige Entfaltung
ihrer nationalen Kräfte zugestehen wollte. Seinem Sinne entspricht
es, wenn heute eine chinesische Übersetzung des „Nationalen Systems‘“
vorbereitet wird. Aber auch der Gedanke einer „Weltwirtschaftskonferenz“
ist von ihm vorhergedacht, gleichwie er den Gedanken einer
„Internationalen Sozialpolitik“ 183g bereits faßte.
Solch reiche Schätze von nationalem und zugleich von internationalem
Werte gilt es zu heben, getreu Lists Wahlspruch: „Et la patrie et
l’humanite“ — der Weg zur Menschheit führt durch die Nationen. —
Der Redner schloß mit einem Wort des Dankes an alle jetzigen und
künftigen Förderer der Friedrich List-Gesellschaft, unter denen er namentlich
hervorhob: die Deutsche Notgemeinschaft, die Reichseisenbahngesellschaft.
die Deutsche Akademie und die Stadt Reutlingen.
Nachrichten.
Lists französische Preisschrift, die er im Gegensatz zum ‚Nationalen
System“ als „Das natürliche System der politischen
Ökonomie‘ bezeichnet, ist im Dezember vergangenen Jahres von
dem Bearbeiter des IV. Bandes, Dr. Artur Sommer, Heidelberg, wieder
aufgefunden worden. Über die Entstehung der Preisschrift und
über ihr Aussehen berichtet Dr. Sommer in einer kurzen Abhandlung,
die in Schmollers Jahrbuch, Jahrgang 1926, Heft 5 erscheint.
Wir werden unseren Mitgliedern einen Abzug zugehen lassen. In Zukunft
werden alle derartigen Abhandlungen in diesen „Mitteilungen‘‘
zum Abdruck gelangen.
Der ständige Ausschuß des Deutschen Landwirtschaftsrats
hat in seiner Sitzung vom 5. Mai d. J. nach Anhörung eines
Referats von Prof. Friedrich Lenz-Gießen beschlossen, der Friedrich
List-Gesellschaft beizutreten und sämtliche deutsche Landwirtschaftskammern
von den Bestrebungen der Friedrich List-Gesellschaft zu
unterrichten. Die Mehrzahl der deutschen Landwirtschaftskammern
hat daraufhin ihren Beitritt erklärt.