Auch diese Notiz ist aufs höchste überraschend, — trägt doch der
Brief, der der Preisarbeit angeheftet ist und das Motto des Bewerbers
enthält, ebenso wieder Umschlag der Preisschrift selbst den Vermerk
des Sekretariates: „No. 6. 31 dec. 1837 8a und widerspricht doch die
angebliche Verlängerung des Ablieferungstermines durchaus den Ge-
pflogenheiten der Akademie. Dennoch: Lists Angaben in der Brief-
stelle sind unzweideutig — an der Tatsache, daß er die Arbeiten zu-
rückerhielt und umarbeitete, ist kein Zweifel möglich. Wenn trotz-
dem das Sekretariat das Datum des 31. Dezember und nicht das Ja-
nuardatum vermerkte, so liegt die Vermutung nahe, daß in der Rück-
gabe eine selbständige Handlungsweise eines unteren Beamten vorliegt,
der durch Einfügung des offiziellen Datums sich gegen den Vorwurf
der Pflichtverletzung sichern wollte. Doch muß die Kennzeichnung
der Arbeit als Nummer 6 stutzig machen; wenn Lists Arbeit, die
doch gewiß nach Lists Willen erst in letzter Minute abgegeben wer-
den sollte, dennoch unter 27 Bewerbungen die Nummer 6 erhielt, so
besteht die Wahrscheinlichkeit, daß die anderen Bewerber von der
Möglichkeit späterer Ablieferung vorher unterrichtet waren. Ob auch
ihre Arbeiten dann vordatiert wurden, kann nur neue Nachforschung
in den Archiven zeigen.
Durch die Tatsache, daß List seine beiden Schriften nochmals zu-
rückerhielt, findet eine von Dr. Sommer bemerkte Unstimmigkeit ihre
einfache Aufklärung. Sommer erwähnt eine von List auf der dritten
Umschlagsseite geschriebene, „in verzerrten, fast verkrampften
Schriftzügen in höchster Eile“ hingeworfene Entschuldigung, der-
zufolge er nicht die Zeit hatte, die zahlreichen Fehler des Abschrei-
bers zu verbessern und eine Menge von Anmerkungen zuzufügen. Die-
ser Angabe stellt er den aus der Analyse der Handschrift sich ergeben-
den Sachverhalt gegenüber, daß eine ganze Reihe nachträglicher Ein-
fügungen, Änderungen und Noten unzweifelhaft von List stammen.
Sommer weiß keinen andern Ausweg aus diesem Dilemma als die Ver-
mutung, daß List die Absicht hat, die zahlreichen, noch gebliebenen
Fehler und Flüchtigkeiten vor den Preisrichtern mit der Unzuläng-
lichkeit der Abschreiber zu entschuldigen. Hier bietet nun der Brief
eine sehr viel einfachere Erklärung, die zugleich Lists Haltung sehr
viel besser gerecht wird: Die „Entschuldigung“ gehört dem Dezem-
ber 1837 an?, die Einfügungen und Verbesserungen entstammen der
ersten Januarwoche. Dies ist von wesentlicher Bedeutung für unsre
gesamte Auffassung der ganzen Preisarbeit; denn wir dürfen nun-
mehr das Manuskript als die endgültige Darstellung von Lists
Gedanken in dieser Periode ansehen. Wenn auch noch einzelne Fehler
stehengeblieben sind, wenn auch einzelne Probleme bei einer weni-
ger überhasteten Ausarbeitung — vielleicht — eingehender behandelt
worden wären, so steht doch fest: die Preisschrift ist sachlich,
stilistisch undsprachlich von List in einem für ihn durch-
aus befriedigenden Zustand abgegeben worden; er hat sein Vorhaben
ausgeführt, das er als „mettre la substance de mon systeme‘ bezeich-
net!9, und er hat „das Wesentliche‘ seiner Ideen in einer von ihm
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