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Eisenbahnen: Die Lokomotive.
Sommer 1851 vollführten Probefahrten von den Preisrichtern, zu denen auch der Maschinen
direktor Kirchweger in Hannover gehörte, der „Bavaria" zuerkannt, während die drei anderen
Lokomotiven in der vorstehend genannten Reihenfolge zum Preise von 10000, 9000 und
8000 Dukaten regierungsseitig angekauft wurden. Die Lokomotiven der Abb. 216 und 217
besaßen beide je 2 Drehgestelle, an denen bei der ersteren auch die Dampscylinder angebracht
waren, während sie bei der „Seraing" an jedem Ende des Doppelkessels befestigt waren.
Diese Lokomotive führte auch das Wasser in einem kleinen Tender mit, die als Tender
maschine gebaute „Wiener-Neustadt" hatte seitlich ihres langen Kessels Wasserbehälter. Eigen
tümlich berührt die Achsenknppelung der Preislokomotive „Bavaria". Die Dampfarbeit wurde
hier durch sehr lange Treibstangen auf zwei am hinteren Lokomotivende festgelagerte Kuppel
achsen übertragen, von denen die vordere wieder mit dem vorn befindlichen Drehgestell, die
hintere mit den 3 unter sich gekuppelten Tenderachsen gekuppelt war und zwar durch —
Baucansonsche Gliederketten, wie sie G. Stephenson bereits 1815 nach Abb. 190 vergeblich
versucht hatte. Auch hier zeigten diese Ketten nach wenigen Fahrten schon eine so' starke
Abnutzung, daß ein Dauerbetrieb mit ihnen ausgeschlossen war. Hätte der Erbauer den
36 Jahre zuvor erzielten Mißerfolg Stephensons gekannt, er würde wohl schwerlich dieses
Übertragungsmittel für den Semmering gewählt haben. Wenn dennoch die „Bavaria" preis
gekrönt wurde, so lag dieses an der seltsamen Bestimmung des Preisausschreibens, wonach
diejenige Lokomotive den Preis erhalten sollte, die bei Erfüllung der sonstigen wenigen Bor-
217. Semmerins-Konknrrrnx-Lokomotive „Keraing". 1851.
schriften die kleinste Holzmcnge während der Versuchsfahrten verfeuern würde. Dieser ein
seitigen Bedingung genügte „Bavaria" am besten. Ihr am nächsten kam darin die „Wiener-
Neustadt", die in ihrer Gesamtanordnung zweckentsprechender durchgebildet war.
Keine der vier obigen Bauarten wurde jedoch als geeignet für den Dienst auf dem
Semmering befunden, teils zeigten sie Mängel, teils erschienen ihre neuartigen Anordnungen
und Einzelteile noch nicht genügend im Betriebe erprobt und daher gewagt für so schweren
Dienst. Hervorragende deutsche Maschinen-Jngenieure reichten daraufhin neue Entwürfe
ein, so Kirchweger, aus dessen Vorschlag fite später unter der Bezeichnung Bauart Fink
bekannt gewordene Berglokomotive (Abb. 218) hervorging. Die Finksche Lokomotive hat
zwei besondere, gegeneinander drehbare Rahmengestelle: ein vorderes dreiachsiges und ein
hinteres zweiachsiges. Sämtliche 10 Räder sind miteinander gekuppelt, so daß die als
Tendermaschine ausgeführte Lokomotive eine große Zugkraft besitzt. Beide Gestelle werden
mit Hilfe einer Blindachse (Achse ohne Räder) gleichzeitig angetrieben. Die Rahmen sind als
Außenrahmen angeordnet. Die höchst sinnreich durchdachte Lokomotive war 1862 in London
und 1867 in Paris ausgestellt und hat sich auf der Bergbahn Orawitza-Steyerdorf, welche
507«, Steigung und 113 m Kurven aufweist, bewährt. Krauß, ebenfalls derzeit in Hannover,
schlug zur Vermehrung der Schienenreibung bezw. der Anzugskraft eine mittlere erhöhte
Reibungsschiene vor, gegen die wagerecht liegende Rollen der Lokomotive gepreßt werden
sollten — ein Verfahren, das früher schon in ähnlicher Weise Vignoles und Ericsson für eine
andere Bahn empfohlen hatten und das nachmals von Fell bei der Überschienung des Mont
Cenis und an anderen Orten in abgeänderter Form zur Aussührung gebracht wurde, sich später